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Offene Plenarprotokolle

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3. Sitzung des 17. Deutschen Bundestages( - )

Die Sitzung ist eröffnet. Guten Morgen, liebe Kolleginnen und Kollegen. Ich begrüße Sie alle herzlich zur 3. Sitzung des Deutschen Bundestages, mit der nach der Konstituierung, der Kanzlerwahl und der Vereidigung der Bundesregierung gewissermaßen die parlamentarische Arbeit im engeren Wortsinn beginnt. Ich weise gerne darauf hin, dass die heutige Sitzung neben Phoenix auch vom Zweiten Deutschen Fernsehen übertragen wird,

  • [Beifall]
  • [Heiterkeit]

und stelle mit Genugtuung fest, dass sich unsere Vorstellungen von der Wichtigkeit von Veranstaltungen zunehmend annähern. Interfraktionell ist vereinbart worden, die verbundene Tagesordnung um die in der Zusatzpunktliste aufgeführten Punkte zu erweitern: ZP 1 Beratung des Antrags der Fraktion DIE LINKE Einsetzung eines Ausschusses für die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland – Drucksache 17 / 9 – Weitere Beratungen mit Aussprache (Ergänzung zu TOP 1) ZP 2 Erste Beratung des Antrags der Fraktion DIE LINKE Förderung der Altersteilzeit durch die Bundesanstalt für Arbeit fortführen – Drucksache 17 / 21 – Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Arbeit und Soziales (f) ZP 3 Erste Beratung des Antrags der Fraktion DIE LINKE Folgen der Krise für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer abmildern – ALG 1 befristet auf 24 Monate verlängern – Drucksache 17 / 22 – Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Arbeit und Soziales (f) ZP 4 Erste Beratung des Antrags der Fraktion DIE LINKE Anhebung und bedarfsgerechte Ermittlung der Kinderregelsätze – Drucksache 17 / 23 – Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Arbeit und Soziales (f) Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung Haushaltsausschuss ZP 5 Erste Beratung des Antrags der Fraktion BÜND-NIS 90 /DIE GRÜNEN Soziale Gerechtigkeit statt Klientelpolitik – Drucksache 17 / 16 – Überweisungsvorschlag: Finanzausschuss (f) Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Ausschuss für Tourismus Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit Ausschuss für Wirtschaft und Technologie Haushaltsausschuss Sind Sie damit einverstanden? – Das ist offenkundig der Fall. Dann ist das so beschlossen. Ich rufe den Tagesordnungspunkt 1 auf: Regierungserklärung der Bundeskanzlerin mit anschließender Aussprache Nach einer interfraktionellen Vereinbarung sind für die heutige Aussprache nach der Regierungserklärung siebeneinviertel Stunden, morgen zehneinviertel Stunden und am Donnerstag dreieinhalb Stunden vorgesehen. – Ich sehe, Sie sind damit einverstanden, und hoffe, dass die Bemühungen, diesen genannten Zeitrahmen auch so präzise wie vorgetragen einzuhalten, vom ganzen Haus geteilt werden. Das Wort zur Abgabe einer Regierungserklärung hat die Bundeskanzlerin Frau Dr. Angela Merkel.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Am 28. Oktober hat die neue Regierung von Union und FDP ihre Arbeit aufgenommen. Sie hat ihre Arbeit aufgenommen im 60. Jahr des Bestehens der Bundesrepublik Deutschland und 20 Jahre nach dem Mauerfall. Die neue Regierung will die Weichen für das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts stellen. Dazu sind wir zum Wohle unseres Landes und unseres Volkes fest entschlossen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Ohne Zweifel: Deutschland ist ein starkes, ein weltweit angesehenes, ein lebenswertes Land. Doch genauso steht außer Zweifel: Zu Beginn der Amtszeit der neuen Regierung muss und wird eine schonungslose Analyse der Lage unseres Landes stehen. Anschließend ziehen wir die richtigen Konsequenzen.

  • [Lachen] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Lachen] SPD

Außerordentlich viel hängt von dieser Analyse ab. Machen wir hierbei Fehler, dann sind sie kaum wieder gutzumachen. Machen wir es hierbei richtig, dann werden wir Deutschland zu neuer Stärke führen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Ich sage sehr deutlich: Wir dürfen die Augen nicht vor der Realität verschließen.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Das ist immer richtig

Wir dürfen uns keinen Sand in die Augen streuen. Wir müssen mutig und entschlossen die vor uns liegenden Aufgaben beim Namen nennen.

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Nicht nur beim Namen nennen

Genau das, nicht mehr und nicht weniger, will ich heute hier tun, und zwar ohne Umschweife; denn die neue Regierung von Union und FDP, diese christlichliberale Koalition der Mitte, hat den Anspruch, Deutschland zu stärken und dabei den Zusammenhalt unseres Landes zu festigen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Sie hat den Anspruch, dies mit einer Politik für Freiheit in Verantwortung zu tun. Fünf Aufgaben müssen wir dabei anpacken: Erstens. Wir müssen die Folgen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise überwinden. Zweitens. Wir müssen das Verhältnis der Bürger innen und Bürger zu ihrem Staat verbessern. Drittens. Wir müssen Antworten auf die Veränderungen des Altersaufbaus finden. Viertens. Wir müssen einen zukunftsfesten Umgang mit den weltweiten natürlichen Ressourcen finden und dazu einen globalen Ordnungsrahmen aufbauen. Fünftens. Wir müssen das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit in der Innen- und Außenpolitik angesichts neuer Bedrohungen weiter festigen. Das sind die fünf Aufgaben, die die Koalition der Mitte angehen muss. Ganz ohne Zweifel steht dabei alles, was wir tun, zunächst und für unabsehbare Zeit im Zeichen der ersten Herausforderung. Ich wiederhole sie noch einmal: Wir müssen die Folgen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise überwinden. Das ist die Lage:

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Das ist keine Lage Das ist eine Aufgabe

Deutschland befindet sich infolge dieser Krise in der schwersten Rezession seiner Geschichte. Der Wachstumseinbruch ist fünfmal stärker als der bisher größte Rückgang Anfang der 70 er-Jahre. Der Absturz bei Auftragseingängen, Produktionen und Absatz ist zwar gestoppt, und es gibt erste, leichte Aufwärtsbewegungen, aber große Teile der Industrieproduktion liegen noch immer weit unter dem Niveau vor Beginn der Krise. Wichtige Banken sind nach wie vor vom staatlichen Rettungsschirm abhängig. Der Finanzmarkt ist noch keineswegs wieder so leistungsfähig, wie er es für die Weltmarktstellung der deutschen Wirtschaft und insbesondere für einen neuen Aufschwung sein müsste. Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, und sie wird weiter steigen. Es ist nur der Kurzarbeit zu verdanken, dass nicht noch mehr Arbeitsplätze verloren gegangen sind. Deshalb werden wir die Regelung zur Kurzarbeit verlängern.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Die volle Wucht der Auswirkungen der Krise wird uns im nächsten Jahr erreichen, auch und gerade in den öffentlichen Haushalten der Kommunen, der Länder und des Bundes. Waren die gesamtstaatlichen Haushalte vor Ausbruch der Krise schon ungefähr ausgeglichen, so wird das Budgetdefizit in diesem Jahr 3, 5 Prozent undim kommenden Jahr circa 5 Prozent unserer Wirtschaftsleistung betragen. Das ist die EU-Herbstprognose. Die Wahrheit lautet, in einem einzigen Satz zusammengefasst: Die Probleme werden erst noch größer, bevor es wieder besser werden kann. Das ist die Lage. Ich kann und ich will sie uns nicht ersparen. Mehr noch: Wir alle müssen verstehen, dass es um weit mehr geht als nur um die Bewältigung der Folgen der Krise in unserer eigenen Volkswirtschaft. Nein, die Karten werden weltweit neu gemischt. Das und nichts anderes ist die Dimension der Krise. Weltweit werden die Karten neu gemischt. Da gibt es eben keine angestammten Marktanteile und Positionen. Wer wird sich den Zugriff auf Rohstoffe und Energiequellen sichern? Wer lockt Investitionen aus anderen Teilen der Welt an? Welches Land wird zum Anziehungspunkt für die klügsten und kreativsten Köpfe? Meine Damen und Herren, wir spüren es: Deutschland steht vor einer Bewährungsprobe, wie es seit der deutschen Einheit nicht mehr der Fall war. Die zentrale Frage lautet: Wird Deutschland es schaffen, rechtzeitig aus der Krise zu kommen, noch dazu stärker als wir waren, als wir in sie hineingeraten sind, oder werden andere unseren Platz einnehmen, weil wir es versäumen, die Quellen des Wohlstands von morgen zu finden und zu nutzen? Die Antwort liegt in unserer Hand. Wir können scheitern, oder wir können es schaffen. Beides ist möglich.

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Das ist immer so

Ich will und wir wollen, dass wir es schaffen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Das ist wie bei Hertha BSC Die wollen es auch immer schaffen

Ich will, dass wir Deutschland zu neuer Stärke führen. Wer also die Dimension der politischen Herausforderung unserer Generation tatsächlich an sich heran lässt, der weiß spätestens dann: Es geht nicht um kurzfristige Krisenbewältigung oder langfristige Weichenstellungen. Das sind nicht zwei getrennte Aufgaben. Nein: Kurzfristige Krisenbewältigung und langfristige Weichenstellungen sind zwei Seiten ein und derselben Medaille.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Oh, ja Das ist wahr

Ich bin überzeugt: Wenn wir das verstehen, dann werden wir in der Lage, in der die Karten weltweit neu gemischt werden, die richtigen Karten für unser Land ziehen und legen. Die Voraussetzungen dafür könnten kaum besser sein. Wir haben viele Unternehmer mit guten Ideen für neue Produkte und Innovationen. Wir haben viele gut ausgebildete Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Wir haben viele Talente in Zuwandererfamilien. Wir haben an vielen Stellen nachhaltiges Denken und Wirtschaften schon verankert. In unserem Land steckt viel. Wir müssen diese Stärken Deutschlands nur zur Geltung kommen lassen. Die christlichliberale Koalition der Mitte hat das erkannt. Sie will das schaffen. Sie wird danach handeln, egal wie schwer der Weg auch immer sein mag und egal wie viele Widerstände es dagegen auch geben mag. Wir nehmen die Herausforderung an.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Die Krisenbewältigung ist in vielen Fällen sehr konkret. Nehmen wir das Beispiel Opel. Die alte Bundesregierung hatte sich aus guten Gründen für einen strategischen Investor entschieden, um Opel eine neue Zukunft zu eröffnen. Hätten wir das nicht getan, gäbe es Opel heute nicht mehr. Denn General Motors war über Monate hinweg nicht in der Lage, seiner Verantwortung als Mutterkonzern von Opel auch nur annähernd gerecht zu werden.

  • [Zuruf] DIE LINKE

Die Arbeitnehmer hatten sich in großer Verantwortungsbereitschaft zu erheblichen Anstrengungen und Opfern bereit erklärt. Sie haben im Gegenzug Verlässlichkeit erwartet, und sie wurden tief enttäuscht. Ich bedauere die Entscheidung von General Motors außerordentlich. Doch die Arbeitnehmer brauchen mehr als unser Bedauern.

  • [Zuruf] DIE LINKE

Sie brauchen eine konkrete Lösung, die Arbeitsplätze, Knowhow und Standorte sichert. Wir erwarten, dass General Motors schnell ein verlässliches Konzept vorlegt, das Opel Europa und den deutschen Standorten die Chance auf eine gute Zukunft bietet. Gelingen kann diese Lösung nur, wenn General Motors den Hauptanteil der Restrukturierung mit eigenen Mitteln trägt. Dazu gehört auch, dass General Motors den Überbrückungskredit zurückzahlt. Wir erwarten, dass sich das Unternehmen in Zukunft gleichermaßen für seine amerikanischen wie für seine europäischen Standorte engagiert.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Eine faire Balance ist eine entscheidende Bedingung, damit die jetzt kommenden Gespräche überhaupt eine Aussicht auf Erfolg haben können. Ich sage hier ganz deutlich: Das, was der Bundesregierung und den Landesregierungen der vier Opelstandorte hierzu möglich ist, werden wir tun. Darauf können sich alle verlassen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wenn die mal nicht verlassen sind

Meine Damen und Herren, solche Fälle – noch dazu mit einem traditionsreichen Namen – stehen natürlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Doch die Bundesregierung muss alle Arbeitsplätze in Deutschland im Blick haben. Deshalb noch einmal: Es geht darum, welche Möglichkeiten wir haben, die weltweite Krise als Ganzes zu überwinden. Dazu raten die einen uns nun, vorneweg die durch die Krise schier ins Uferlose geratenen Schulden vor allem durch Streichen und Kürzungen auszugleichen. Es ist wahr: Das wäre theoretisch ein Weg. Machen wir uns dazu aber kurz die Größenordnung klar: Um 86 Milliarden Euro auszugleichen – das ist der von der alten Bundesregierung geschätzte Defizitbetrag für 2010 –, müssten wir die größte Kürzungs- und Streichungsaktion in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland starten. Ich glaube, jede weitere Diskussion über diesen Weg erübrigt sich. Ein solcher Weg ist in der Krise offensichtlich keine Lösung. Andere raten uns, die höheren Ausgaben und geringeren Einnahmen der Sozialversicherungen durch steigende Beiträge der Sozialversicherungen auszugleichen. Es ist wahr: Theoretisch ist auch dies ein Weg. Doch was wäre die Folge? Die verfügbaren Einkommen der Bürger würden sinken, die Arbeitsplätze würden für die Betriebe teurer werden. Es ist also ganz offensichtlich, dass sich auch jede weitere Diskussion über diesen Weg erübrigt. Auch er wäre keine Lösung. Wir haben uns für einen anderen Weg entschieden, nach reiflicher Überlegung und Abwägen allen Für und Widers. Er lautet in einem Satz: Ich will, dass wir alles versuchen, jetzt schnell und entschlossen die Voraussetzungen für neues und stärkeres Wachstum zu schaffen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Wachstum zu schaffen, das ist das Ziel unserer Regierung. Ich sage es ganz offen: Auch dieser Weg ist keine Garantie, dass wir es schaffen,

  • [Beifall] Oskar Lafontaine (DIE LINKE)

die Folgen der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise schnell und gestärkt zu überwinden. Aber die Chance dazu bietet dieser Weg. Deshalb müssen wir diese Chance ergreifen und genau diesen Weg einschlagen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Ohne Wachstum keine Investitionen, ohne Wachstum keine Arbeitsplätze, ohne Wachstum keine Gelder für die Bildung, ohne Wachstum keine Hilfe für die Schwachen. Und umgekehrt: Mit Wachstum Investitionen, Arbeitsplätze, Gelder für die Bildung, Hilfe für die Schwachen und – am wichtigsten – Vertrauen bei den Menschen. Das ist meine Überzeugung,

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

eine Überzeugung, die auf meiner Grundauffassung von Politik gründet. Zu ihr gehören elementar entscheidende Faktoren: Vertrauen, Zuversicht, Motivation. Sie lassen sich nicht in Prozenten fassen. Ihre Wirkung ist aber immer weit größer, als die Statistiker sie jemals ermessen können.

  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): So ist es

Genau vor diesem Hintergrund beginnt die neue Bundesregierung ihre Arbeit mit einem Wachstumsbeschleunigungsgesetz.

  • [Lachen] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
  • [Zuruf] SPD: Oh Oh– Sehr interessant

Der Entwurf wurde gestern im Kabinett beschlossen. Ich weiß, dass die Beratungszeit knapp ist. Aber ich bitte um Ihre Unterstützung für unseren Zeitplan; denn Entschlossenheit ist jetzt gefragt.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Die krisenbedingten Auswirkungen der Unternehmenund Erbschaftsteuerreform müssen beseitigt werden; das wissen alle in diesem Hause. Die Familien wollen wir zusätzlich zu den schon beschlossenen Entlastungen noch einmal stärken. Insgesamt, zusammen mit den schon beschlossenen Maßnahmen und dem, was wir jetzt auf den Weg bringen, entlasten wir die Bürgerinnen und Bürger zum 1. Januar 2010 um 22 Milliarden Euro.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Ulrich Maurer (DIE LINKE): Welche Bürgerinnen und Bürger?

Anfang Dezember wird die Bundesregierung außerdem mit allen Akteuren aus Wirtschaft, Banken und Arbeitnehmerschaft die weiteren Schritte vertrauensvoll besprechen. Wir wollen den Unternehmen weiter ausreichende Finanzierungswege eröffnen. Insbesondere der Mittelstand, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, darf nicht in eine Kreditklemme geraten.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE): Die ist doch längst da

Deshalb werden wir noch einmal die Ausgestaltung des Deutschlandfonds überprüfen, ihn gegebenenfalls auch anpassen,

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Haben Sie das immer noch nicht getan?

und wir wollen in Abstimmung mit den Ländern dafür sorgen, dass jeder Betrieb, egal ob groß oder klein, bei krisenbedingten Finanzierungssorgen einen Ansprechpartner erhält, damit so unbürokratisch wie möglich nach Lösungen gesucht werden kann. Von den Banken, meine Damen und Herren, erwarte ich vor allem, dass sie die von der Bundesregierung geschaffenen Möglichkeiten nutzen, um ausreichend Kredite zu vergeben.

  • [Zuruf] Ulrich Maurer (DIE LINKE): Das tun sie aber nicht

Es scheint mir Zeit zu sein, in diesem Zusammenhang an etwas zu erinnern, und zwar daran, dass der Finanzsektor im Kern eine dienende Funktion für das Funktionieren der wirtschaftlichen Kreisläufe hat.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Lachen] DIE LINKE
  • [Lachen] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Lachen] SPD
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Haben Sie das schon einmal Herrn Ackermann erzählt?

– Sie werden das ja wohl nicht infrage stellen! So ist der Bankensektor entstanden, das war sein eigentliches Selbstverständnis. Dieses Selbstverständnis muss wieder belebt werden; ansonsten werden wir große Schwierigkeiten mit unserer Wirtschaft haben. Genau diesem Ziel dienen auch alle internationalen Bemühungen – vorneweg in der Gruppe der G 20 –,neue internationale Regeln für mehr Transparenz und Kontrolle festzulegen; denn wir müssen alles tun, damit sich eine solche Krise nie wiederholt. Wenn wir international übereinkommen, bin ich sehr dafür, dass wir zum Beispiel über eine Börsenumsatzsteuer international die Banken an der Begleichung der Schäden, die diese Krise angerichtet hat, beteiligen.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Ich sagte es bereits: Die Bundesregierung setzt auf Wachstum, um Deutschland zu neuer Stärke zu führen. Deshalb werden wir im Jahre 2011 einen weiteren Wachstumsimpuls setzen, und zwar in Form von Einkommensteuersenkungen. Diesen Impuls werden wir auch dazu nutzen, um langfristig strukturelle Veränderungen im Steuersystem vorzunehmen. Damit berühren wir die zweite Aufgabe, vor der die neue Regierung ganz unabhängig von der Krise steht: Wir wollen das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat verbessern. Das ist dringender denn je; denn die Steuerzahler sind unzufrieden, weil die Leistungen des Staates auf den Gebieten Bildung, Infrastruktur und Service aus ihrer Sicht oft mangelhaft sind.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Widerspruch] SPD

Damit können wir uns nicht abfinden. Diejenigen, die Transferleistungen erhalten, fühlen sich ausgegrenzt und sehen oft wenig Chancen, wieder auf den Weg des Aufstiegs zurückzukehren; doch genau das muss gelingen. Die Mitte der Gesellschaft kann nur stärker werden, wenn mehr Menschen Arbeit bekommen, wenn gute Bildung Aufstiegschancen eröffnet, wenn unnötige Bürokratie abgebaut wird, mit einem Wort: wenn sich Leistung wieder lohnt in diesem Lande.

  • [Lebhafter Beifall] CDU/CSU
  • [Lebhafter Beifall] FDP
  • [Zuruf] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh
  • [Zuruf] SPD: Oh

Das ist der Grund, warum wir unser Steuersystem spürbar vereinfachen wollen.

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Was?

Den Einkommensteuertarif wollen wir zu einem Stufentarif umbauen. Einfach, niedrig und gerecht, das muss die Maßgabe sein, meine Damen und Herren. Dafür stehen wir ein.

  • [Lebhafter Beifall] CDU/CSU
  • [Lebhafter Beifall] FDP

Leistungsfeindliche Elemente wie der sogenannte Mittelstandsbauch müssen schrittweise abgebaut werden. Kinder müssen im Steuerrecht mittelfristig wie Erwachsene behandelt werden.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Steuerpolitik – das ist unsere Überzeugung – ist nicht einfach der Umgang mit Zahlen, sondern Steuerpolitik ist Gesellschaftspolitik.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Lachen] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Lachen] SPD
  • [Zuruf] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Abwrackprämie

Einen neuen Schwerpunkt werden wir beim Abbau von Bürokratie setzen. Neben der Konzentration auf Erleichterungen für die Betriebe wollen wir auch für die Bürger ein klares Ziel für den Abbau von Bürokratie vereinbaren. Dabei müssen wir mit einem Missverständnis aufräumen: Es geht bei diesen Bemühungen nicht nur um weniger Aufwand bei Statistiken und Berichtspflichten – das allein reicht nicht –, es geht vor allem um schnellere Verfahren, flexiblere Behörden, also um Dienstleistungen für Bürger und Betriebe. Deshalb werden wir den Auftrag des Normenkontrollrates deutlich erweitern.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Wenn wir das Verhältnis des Bürgers zu seinem Staat wirklich verbessern wollen, dann ist und bleibt es auch bei dieser Aufgabe das Wichtigste, Beschäftigungsbremsen zu lösen und Anreize für Arbeit zu schaffen. Wer für sich selber vorsorgt, dem muss der Staat dabei helfen. Dazu werden wir die Hinzuverdienstmöglichkeitenbeim Übergang in reguläre Arbeit verbessern. Wir erhöhen das Schonvermögen, damit der, der für sich vorsorgt, später nicht um die Früchte seiner Voraussicht betrogen wird.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Wir wollen den Kinderzuschlag weiterentwickeln, weil niemand wegen seiner Kinder in staatliche Abhängigkeit geraten sollte. Ebenso werden wir befristete Beschäftigungsverhältnisse erleichtern. Sittenwidrige Löhne werden wir verbieten,

  • [Zuruf] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Dumpinglöhne

einheitliche gesetzliche Mindestlöhne lehnen wir allerdings ab.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Buh

Wir sind der Überzeugung: Sie waren, sind und bleiben nichts weiter als ein Hindernis für mehr Beschäftigung. Deshalb sind sie mit uns nicht zu machen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Das sind wichtige Einzelmaßnahmen, aber das reicht noch nicht aus. Es wäre nur Stückwerk, wenn wir nicht auch im Zusammenhang denken würden. Deshalb wollen wir die aktive Arbeitsmarktpolitik insgesamt wirksamer und einfacher gestalten. Dazu werden wir die bis heute kaum überschaubare Zahl der Instrumente und Programme reduzieren. Das ist mehr als überfällig. Ich sage ganz deutlich: Die Arbeitsagenturen, die Argen, die Optionskommunen, die einzelnen Arbeitsvermittler vor Ort leisten vor Ort ohne Zweifel vielfach großartige Arbeit. Sie alle – davon sind wir überzeugt – können aber noch mehr leisten. Dazu wollen wir ihnen die Möglichkeit geben, sich bei ihrer Wiedereingliederungsarbeit zuerst nach den jeweiligen Bedürfnissen des Arbeitslosen und nicht nach den Bedürfnissen der gesetzlichen Feinsteuerung richten zu können. Ich glaube, das ist die richtige Reihenfolge: erst der betroffene Mensch und dann ein politisches Instrument.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Eine solche Politik dient den Menschen; denn sie folgt einer Überzeugung: Jeder Bürger, der Arbeit hat oder sie wieder bekommt, hat die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben. Das ist es, worum es der Politik zu gehen hat, wenn sie ihren Auftrag auch als einen moralischen versteht.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Zuruf] Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Oh

Jedem Bürger die Chance auf ein selbstbestimmtes Leben eröffnen: Das will die christlichliberale Regierung.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Dazu brauchen wir nicht zuletzt ein verantwortliches Miteinander von Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Die Tarifautonomie hat sich gerade auch in der Krise, bei der Anpassung an oft schwierigste Auftragslagen, bewährt. Wir werden sie achten und schützen. Sie gehört zu den wichtigsten sozialen Errungenschaften in Deutschland. Viele Länder blicken geradezu bewundernd auf unsere Kultur der Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Ich sage deshalb auch hier ganz klipp und klar: Wir werden die Mitbestimmung und die Betriebsverfassung nicht ändern. Wir werden auch die Schutzwirkung des Kündigungsschutzes nicht mindern. Das schafft Vertrauen und hat auch etwas damit zu tun, das Verhältnis der Bürger zu ihrem Staat zu verbessern.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

In diesem Geist können wir auch die dritte große Aufgabe unserer Zeit in den Blick nehmen: Wir müssen eine Antwort auf die Veränderung des Altersaufbaus unserer Gesellschaft finden. Auch hier ist ein schonungsloser Blick auf die Lage Voraussetzung, um die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen. In diesem Jahr leben in Deutschland erstmals mehr über 65 -Jährige als unter 20 -Jährige. Der Schwerpunkt der Gesellschaft hinsichtlich des Lebensalters wird sich immer weiter jenseits der 50 Jahre verschieben. Im Jahre 2020 werden 3, 5 Millionen Menschen unter 25 Jahrenweniger als 2007 in unserem Land leben – in 13 Jahren 3, 5 Millionen Menschen unter 25 Jahren weniger. Dasbedeutet in der Altersgruppe der unter 25 -Jährigen einen Rückgang von 15 Prozent. Im gleichen Zeitraum geht die Gesamtbevölkerung nur um 2 Prozent zurück. Daran ersehen Sie die Dimension der Herausforderung, vor der wir stehen. Ich sage ganz ausdrücklich: Erste Schritte sind gemacht, zum Beispiel mit der Einführung der Rente mit 67 Jahren.

  • [Widerspruch] DIE LINKE

Aber diese Veränderungen, von der Bildungs-, Forschungs-, Familien- und Integrationspolitik bis hin zur Umgestaltung der sozialen Sicherungssysteme und einer nachhaltigen Haushaltspolitik, müssen noch weiterentwickelt werden.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Lachen] SPD
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Nachhaltige Haushaltspolitik?

Teilweise ist das überfällig. Die Koalition der Mitte ist deshalb entschlossen, diese Veränderungen in die Wege zu leiten. Davor die Augen zu verschließen oder den Kopf in den Sand zu stecken, das wäre die ungerechteste aller Möglichkeiten im Umgang mit den Menschen in unserem Lande. Genau deshalb werden wir das nicht tun. Es muss Schluss sein mit den reflexartigen Reaktionen, etwa wenn über die Entkopplung von Arbeitskosten und Kosten der sozialen Sicherheit gesprochen wird.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Es muss Schluss sein mit den reflexartigen Reaktionen, etwa wenn vom Aufbau einer Kapitaldeckung bei der Pflege die Rede ist. Das alles hilft nicht weiter.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Widerspruch] DIE LINKE
  • [Widerspruch] SPD
  • [Zuruf] Alexander Ulrich (DIE LINKE): Haben Sie nicht gemerkt, was auf den Finanzmärkten los ist?

Wir müssen Prioritäten setzen; nur das hilft weiter. Bildung, Integration, solide Haushalte, generationengerechte soziale Sicherungssysteme – das

  • [Lachen] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

sind die Themen, die höchste Priorität bekommen müssen. Die neue Regierung gibt genau diesen Themen die höchste Priorität.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wann denn?

Ich sage Ihnen: Das muss das ganze Land tun. Bald werden uns Millionen junger Menschen fehlen. Dabei sind genau sie die Fachkräfte der Zukunft. Trotz Konjunktureinbruchs klagt das Handwerk schon jetzt über einen Mangel an Lehrlingen. Doch mancher Befund ist ernüchternd. Mehr als jeder Zehnte der unter 34 -Jährigen hat heute keinen Schulabschluss oder muss ohne abgeschlossene Berufsausbildung ins Berufsleben starten. Bei denjenigen mit Migrationshintergrund ist es sogar jeder Dritte.

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Was tun wir denn?

– Viel geschafft haben Sie Grüne in Ihrer Zeit nicht; das muss ich sagen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Jetzt sind Sie dran

– Ja, genau. Deshalb geben wir diesen Dingen Priorität, Frau Künast. Mit diesem Befund dürfen und werden wir uns nicht abfinden. Es ist ein Gebot der Gerechtigkeit, dass jeder die Chance erhält, im Berufsleben Erfolg zu haben. Schaffen werden wir dies aber nur, wenn die Politikbereiche zusammenwirken: für die Unterstützung von Familien, die Bildung, die Integration, die Arbeitsmarktpolitik und die sozialen Sicherungssysteme. Dabei kommt zweifelsohne den Familien die größte Aufgabe zu. Familien müssen deshalb besonders unterstützt werden. Das Schlüsselwort unserer Politik für Familien heißt Wahlfreiheit. Zu lange war das ein leeres Wort, und zwar in jeder Hinsicht.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] SPD: Ah

Wahlfreiheit setzt Wahlmöglichkeit voraus. Deshalb führen wir weiter, was begonnen wurde, nämlich den Ausbau der Kinderbetreuung auch für die unter Dreijährigen, eine Verbesserung sowohl im Umfang als auch in der Qualität. Zur Wahlfreiheit im umfassenden Sinne gehört auch, dass wir für Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen, ab 2013 ein Betreuungsgeld, gegebenenfalls auch als Gutschein, einführen wollen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] SPD: Ah

Ich sage Ihnen: Es muss und es wird so ausgestaltet sein, dass die Freiheit der Eltern gestärkt wird, ohne dass dabei die Bildungschancen für Kinder verloren gehen. Das ist unser Anspruch; das werden wir auch tun.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Lachen] DIE LINKE

Wir können gar nicht genug tun, um in Bildung für alle zu investieren. Deutschland zur Bildungsrepublik zu machen, darf kein leeres Wort bleiben. Deshalb wollen wir faire Startchancen und Aufstiegsmöglichkeiten für alle. Die Ausgaben des Bundes für Bildung und Forschung werden bis 2013 um insgesamt 12 Milliarden Euro erhöht. Das ist der Anteil des Bundes, damit wir insgesamt das Ziel, 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Forschung und Entwicklung und 7 Prozent für Bildung bereitzustellen, bis 2015 erreichen können. Die Länder müssen ihren Anteil mit gleicher Kraft leisten. Wir werden die berufliche Bildung weiterentwickeln, den Ausbildungspakt fortsetzen, wo notwendig, neue Qualitätsstandards setzen, und im Hochschulpakt werden 275000 neue Studienplätze geschaffen.

  • [Beifall] CDU/CSU

Mit den Ländern gemeinsam bauen wir ein nationales Stipendienprogramm für 10 Prozent der Studierenden auf.

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): 10 Prozent
  • [Lachen] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Wir bekämpfen Bildungsarmut. Jedes Kind soll vor dem Schulbeginn eine Sprachförderung erhalten, wenn das notwendig ist. Ich sage mit Nachdruck: Auch die Integration der Zuwanderer und ihrer Kinder führt zuerst und vorneweg über Sprache und Ausbildung.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Deshalb wird der Nationale Integrationsplan fortentwickelt: mit Integrationspartnerschaften, Integrationsverträgen, mit mehr Förderung,

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Und Betreuungsgeld zum Zuhausebleiben

aber auch mit mehr Verbindlichkeit. Auch das ist eine moralische Aufgabe. Es ist unsere Aufgabe für die betroffenen Menschen wie für die Zukunft unseres Landes. Meine Damen und Herren, wenn wir angemessene Antworten auf den Altersaufbau unserer Gesellschaft finden wollen, dann führt kein Weg daran vorbei, unsere sozialen Sicherungssysteme generationengerecht auszugestalten. Langfristige Stabilität und Verlässlichkeit wird es nicht geben, wenn der zugrunde liegende Generationenvertrag nicht von allen Seiten – von Jüngeren und Älteren gleichermaßen – akzeptiert wird.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

In kaum einem Bereich wird das deutlicher als bei der Pflegeversicherung. Unser Ziel ist klar: mehr Qualität in der Pflege, mehr Selbstbestimmung und vor allen Dingen auch mehr Menschlichkeit. Wir werden unter anderem die Pflegebedürftigkeit neu definieren, und wir werden ein heißes Eisen anpacken, ganz egal, welche Widerstände das erzeugen wird: die Ergänzung der Umlagefinanzierung durch eine Kapitaldeckung.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Damit kein Missverständnis entsteht: Ich sage Ergänzung, nicht Ersatz. Wir stehen zum Grundsatz der solidarischen Sozialversicherung.

  • [Widerspruch] DIE LINKE
  • [Zuruf] Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE): Salamitaktik
  • [Zuruf] Alexander Ulrich (DIE LINKE): Das ist die Politik der Allianz
  • [Lachen]

Aber diese Ergänzung zu schaffen, das ist zwingend, wenn die Pflegeversicherung überhaupt noch etwas von ihrer Akzeptanz und ihrem Wert behalten soll, und ich will, dass sie diesen Wert behält.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Denn die Wahrheit liegt doch auf der Hand, und daran kann sich keiner hier vorbeidrücken: Die Pflege wird teurer werden, ob mit oder ohne Kapitaldeckung. Wir werden den Zusammenhalt unserer Gesellschaft, den Zusammenhalt von Jung und Alt, nur bewahren können, wenn wir die gesamten steigenden Kosten nicht immer wieder nur der jeweils jüngeren Generation und der arbeitenden Generation aufdrücken.

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Bei der Rente haben Sie es ja gemacht

Das ist die Wahrheit, und dazu müssen wir stehen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Deshalb wird die neue Regierung genau diesen Kreislauf durchbrechen. Wir werden am Ende nicht weniger Solidarität, sondern mehr Solidarität haben.

  • [Widerspruch] DIE LINKE

Wir werden am Ende nicht weniger Zusammenhalt, sondern mehr Zusammenhalt haben. Das ist unser Ziel.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Das gilt auch für die Gesundheitspolitik. Wir haben einen klaren Anspruch: Jeder Mensch soll die medizinische Versorgung bekommen, die er braucht,

  • [Widerspruch] SPD
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Die er sich leisten kann

und zwar unabhängig von seinem Alter und seiner materiellen Situation.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Dies zu schaffen, das muss der Anspruch verantwortungsvoller Politik sein. Auch das ist eine zutiefst moralische Aufgabe.

  • [Zuruf] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh

Das ist aber – das wissen wir alle nur zu gut – leichter gesagt als getan. Das führt uns zu einer Erkenntnis: Um Menschen am medizinischen Fortschritt teilhaben zu lassen, aber gleichzeitig Arbeitsplätze dennoch nicht zu gefährden, brauchen wir eine stärkere Entkopplung von Arbeitskosten und Ausgaben für die Gesundheit, als das heute der Fall ist.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Es ist so. Es führt daran kein Weg vorbei. Ich will auch gar nicht verschweigen: Erste Schritte in diese Richtung ist die alte Regierung mit dem Gesundheitsfonds und der Erhebung von Zusatzbeiträgen schon gegangen. Ich füge hinzu: Ich halte das nach wie vor für richtige und gute Schritte. Aber es müssen eben weitere Schritte folgen, und sie werden folgen, um dieses System in ein langfristig tragfähiges solidarisches System zu überführen, das genau den Ansprüchen gerecht wird, die die Menschen mit Recht an uns haben. Genau darum geht es: ein langfristig tragfähiges, solidarisches System. Deshalb versteht es sich von selbst, dass die finanziellen Lasten weiter so verteilt werden, dass Gesunde für Kranke, Junge für Alte, Stärkere für Schwächere einstehen.

  • [Beifall] CDU/CSU

Nur so verdient ein solches System das Prädikat „solidarisch“. Darauf können sich alle Versicherten verlassen. Das darf aber nicht dazu führen, dass wir über Wettbewerb, Transparenz und viele andere Dinge überhaupt nicht mehr sprechen dürfen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Meine Damen und Herren, Generationengerechtigkeit und Nachhaltigkeit, das gilt in der Tat mehr denn je auch in der Haushaltspolitik. Wie kein zweites Instrument steht die Schuldenbremse genau für diese Politik.

  • [Lachen] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Ich darf vielleicht daran erinnern, dass es doch eher wir in diesem Haus waren, die sich für eine Schuldenbremse – im Übrigen: für eine sehr detaillierte Schuldenbremse – im Grundgesetz eingesetzt haben. Deshalb werden wir dazu auch stehen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Wir wissen, dass es diese Regierung ist, die genau in dieser Legislaturperiode beginnen muss, das alles zu erfüllen. Hier schließt sich gleichsam der Kreis unserer wirtschaftspolitischen Philosophie.

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Es gibt eine Philosophie?

Denn auch hier gilt: Nur mit einem strikten Wachstumskurs können wir die Vorgaben der Schuldenbremse einhalten. Nur mit einem strikten Wachstumskurs schaffen wir in Zeiten wie diesen überhaupt die Voraussetzungen, unsere Ziele insgesamt zu erreichen. Es geht nicht um Wachstum um des Wachstums willen, sondern um nachhaltiges Wachstum, ein Wachstum, mit dem man an das Morgen und die nächste Generation denkt sowie unsere Lebensumwelt im Blick hat.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Viertens gilt: Wir wollen einen zukunftsfesten Umgang mit den weltweit vorhandenen natürlichen Ressourcen weiterentwickeln. Niemals dürfen wir zulassen, dass die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise eine billige Ausrede für mangelnden Schutz unserer Umwelt wird. Das wäre einer der größten Fehler, die wir machen könnten. Ich sage das nicht ohne Grund; denn ich kenne die Realität. Sie ist schon ohne die Krise ziemlich schwierig. Noch immer sind wir zu weit von einem zukunftsfesten Umgang mit unseren globalen Ressourcen entfernt. Bislang haben wir weder in der Energiepolitik noch in der Umweltpolitik dauerhaft tragfähige, globale Antworten gefunden. Globale Abkommen – sei es in der G- 20 -Gruppe zur Regulierung der Finanzmärkte, sei es in der Politik zum Schutz unserer Artenvielfalt oder in der Klimapolitik – lassen viel zu lange auf sich warten. Eine Aufgabe der neuen Regierung wird sein, hier zu drängen und auf Erfolge zu pochen. Dabei wissen wir alle in diesem Hause: Der Schutz unseres Klimas ist eine Menschheitsaufgabe. Im vor uns liegenden Jahrzehnt entscheidet sich, ob wir eine Chance haben, die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels auf ein erträgliches Maß zu begrenzen – genau das meinen wir mit dem Zweigradziel –, oder ob wir das nicht schaffen. Es entscheidet sich, ob wir insgesamt eine Art des Wirtschaftens finden, die nicht mit den Grundlagen ihres eigenen Erfolgs Raubbau treibt, oder ob wir es eben doch tun. Es entscheidet sich, welche Zukunft unser Planet und damit wir, die wir diesen Planeten bewohnen, haben. Ich sage es ohne Umschweife: Ein Misserfolg der Weltklimakonferenz in Kopenhagen im Dezember würde die internationale Klimapolitik um Jahre zurückwerfen. Das können wir uns nicht leisten.

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Weiß das Herr Niebel schon?

Eine substanzielle politische Einigung ist unerlässlich, um die Voraussetzungen für ein international verbindliches – ich unterstreiche: verbindliches – Protokoll für die Zeit nach 2013 zu schaffen. Die Zeit drängt. Die Europäische Union hat klare und eindeutige Verhandlungspositionen entwickelt.

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wann denn?

Jetzt erwarten wir Beiträge von den USA und Ländern wie China und Indien. Ich werde mich ganz persönlich dafür einsetzen und, wenn es erfolgversprechend ist, nach Kopenhagen fahren. Das werde ich auch tun, damit hier jeder Zweifel beseitigt ist.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Auch hier in unserem Land müssen wir unsere Hausaufgaben machen. Wir brauchen dringend ein Gesamtkonzept für eine schlüssige Energiepolitik, mit dem wir Umweltfreundlichkeit, Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit unserer Energieversorgung sicherstellen. Die Bundesregierung wird genau ein solches Energiekonzept erarbeiten. Dazu setzen wir auf einen Energiemix, der die konventionellen Energieträger schrittweise durch erneuerbare Energien ersetzt. Oder in einem Satz gesagt: Wir wollen den Weg in das regenerative Energiezeitalter gemeinsam gehen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Widerspruch] SPD
  • [Zuruf] Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Mit Atomkraft
  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Mit Atomstrom

Das schließt allerdings die Erkenntnis ein, dass die Kernenergie für eine Übergangszeit

  • [Zuruf] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh
  • [Zuruf] SPD: Oh

als Brückentechnologie ein unverzichtbarer Teil unseres Energiemixes bleibt,

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] DIE LINKE: Pfui
  • [Zuruf] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Buh

und zwar so lange, bis sie durch erneuerbare Energien verlässlich ersetzt werden kann,

  • [Lachen] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

damit wir nicht Strom aus Kernenergie aus Frankreich und Tschechien importieren müssen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Alexander Ulrich (DIE LINKE): Nur Ideologie
  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wer hat Ihnen diesen Unsinn eigentlich aufgeschrieben?

Wir sind deswegen bereit, die Laufzeiten deutscher Kernkraftwerke – damit das noch einmal klar wird – unter Einhaltung der strengen deutschen und internationalen Sicherheitsstandards zu verlängern, und wir werden den wesentlichen Teil der zusätzlichen Gewinne der Kraftwerksbetreiber nutzen, um den Weg in das regenerative Energiezeitalter zu beschleunigen, zum Beispiel durch verstärkte Forschung zur Energieeffizienz und zu den Speichertechnologien.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Quatsch mit Soße

Damit es weiter ein bisschen strittig bleibt: Das bedeutet auch, dass wir die Beiträge von neuen, hocheffizienten Kohlekraftwerken

  • [Zuruf] Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja, klar

und der CCS-Technologie zum Klimaschutz anerkennen.

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Darüber reden Sie mal mit Peter Harry Carstensen

Auch wenn manche es nicht hören wollen: Wir können auf Kohle als Energieträger nicht sofort verzichten, und deshalb werden wir auf Kohle als Energieträger auch nicht verzichten; denn das wäre unsinnig.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Da haben Sie mit den Linken was gemeinsam

Mit Blick auf neue und hocheffiziente Kohlekraftwerke sage ich auch: Wir tun das, weil wir wollen, dass unser Land offen für neue Technologien ist. Was soll denn in China gebaut werden? Auch Sie wissen das. Es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Genau das ist der Schlüssel, um die großen Potenziale der Energieeffizienz und der Energieeinsparung freizusetzen. Alle Fortschritte, die unser Land bereits erzielt hat, sind das Ergebnis von Forschergeist, die energetische Gebäudesanierung genauso wie intelligente Verkehrsnetze oder alternative Antriebstechnologien. Genauso wollen wir weitermachen. Deutschland soll Leitmarkt in der Elektromobilität werden, Deutschland soll eine hochambitionierte Breitbandstrategie verfolgen, Deutschland soll in der Medizintechnik ganz vorne mit dabei sein, Deutschland soll seine klassischen Stärken im Anlagenbau und in der Chemie auch in Zukunft voll ausspielen. Das sind die Stärken Deutschlands, auf die wir in unserer Koalition setzen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

In einem Wort: Deutschland setzt auch im 21. Jahrhundert auf den Erfindungsgeist der Menschen. Die neue Bundesregierung setzt darauf; denn täten wir das nicht, dann würden wir zu Getriebenen und abhängig von jenen, die ihre Art von Lösung gefunden haben, die aber nicht unsere Art von Lösung sein muss. Das ist eine sehr grundsätzliche Weichenstellung, die die neue Regierung vorgenommen hat, damit wir Deutschland zu neuer Stärke führen können. Fünftens. Die Koalition der Mitte will das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit angesichts neuer Bedrohungen festigen. Sie stellen uns in der Heimat, auch außerhalb der Grenzen unseres Landes, vor große Herausforderungen. Wir können sie nur meistern, wenn wir unsere Sicherheitsarchitektur weiterentwickeln. Die neue Regierung ist dazu entschlossen und in der Lage. Denn uns leitet ein Kompass: Freiheit und Sicherheit sind für die neue Bundesregierung keine Gegensätze; sie gehören untrennbar zusammen. Beides hat der Staat bestmöglich zu gewährleisten, sei es beim Schutz persönlicher Daten in den neuen Kommunikationstechnologien, sei es beim Betrag Deutschlands zur internationalen Sicherheit. Gestern haben wir gemeinsam den 20. Jahrestag des Mauerfalls gefeiert. Der 9. November 1989 war der glücklichste Tag in der jüngeren deutschen Geschichte. Möglich gemacht haben ihn viele: Die Bürgerinnen und Bürger der ehemaligen DDR auf den Straßen von Leipzig und anderswo, die Gewerkschaft Solidarnosc in Polen, die Freiheitsbewegung um Vaclav Havel in Prag, Michail Gorbatschow, der als Staats- und Parteichef in der entscheidenden Stunde auf den Einsatz von Panzern verzichtet hatte,

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD
  • [Beifall] FDP

und Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher, die die deutsche Einheit unwiderruflich vorangetrieben haben, und viele, viele mehr. Möglich wurde der 9. November 1989 aber auch noch durch etwas anderes: durch ein Eintreten der transatlantischen, der westlichen Wertegemeinschaft – Europäische Union, NATO – für die Einheit und Freiheit unseres Landes. So wie es diese Wertegemeinschaften waren, die vor 20 Jahren mit zum Ende des Kalten Krieges beigetragen haben, so sind es auch heute Bündnisse und Wertegemeinschaften, die uns die Herausforderungen unserer Zeit meistern lassen. Die Herausforderungen und Aufgaben sind seit 1989 andere geworden. Die Zahl unserer Partner ist viel größer geworden. Aus der Bedrohung des Kalten Krieges sind asymmetrische Bedrohungen geworden. Doch der Weg, den Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen, der ist derselbe geblieben. Es ist und bleibt ein Weg der Partnerschaften und Bündnisse auf Grundlage unserer Werte, mit dem wir die Herausforderungen unserer Zeit bewältigen können. Niemand schafft es allein. Gemeinsam können wir alles schaffen.

  • [Widerspruch] DIE LINKE

Das gilt für uns in Europa. Der Vertrag von Lissabon tritt am 1. Dezember 2009 in Kraft. Er verbessert die Möglichkeit, dass die Europäische Union eine wirkliche Union der Bürger innen und Bürger wird und weltweit ihre Interessen entschiedener verteidigen und vertreten kann. Das gilt darüber hinaus im transatlantischen Verhältnis: Auch in Zukunft wird die NATO der bedeutendste Sicherheitsanker Deutschlands sein. Gleichzeitig streben wir mit Russland einen breiten sicherheitspolitischen Dialog an, nicht nur, aber gerade auch im NATO-Russland-Rat. Russland und Europa sind aufeinander angewiesen. Wir teilen die Vision Präsident Obamas für eine nuklearwaffenfreie Welt, und wir setzen uns dafür ein, dass das neue strategische Konzept, mit dem die NATO auf die Herausforderungen der Gegenwart und der Zukunft ausgerichtet wird, auch das Thema Abrüstung auf die Tagesordnung setzt.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Verantwortung in Bündnissen zu übernehmen, das gilt auch bei den E 3 + 3 -Gesprächen zum iranischen Nuklearprogramm, bei unseren Bemühungen um den Nahostfriedensprozess wie auch bei unserem Engagement für ein stabiles Afghanistan. Ohne Zweifel: Der Kampfeinsatz in Afghanistan fordert uns in ganz besonderer Weise. Er muss in eine neue Phase geführt werden. Mit unseren Bündnispartnern, mit den Ländern der Region und mit der neuen afghanischen Regierung werden wir deshalb auf der geplanten UN-Konferenz Anfang kommenden Jahres besprechen, wie und mit welchen konkreten Schritten wir diese Phase neu gestalten können. Wir wollen eine Übergabestrategie in Verantwortung festlegen. Wir erwarten, dass die afghanische Regierung konsequent auf gute Regierungsführung, auf den Aufbau der Sicherheitskräfte und auf wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Landes hinarbeitet.

  • [Zuruf] Alexander Ulrich (DIE LINKE): Wie wär’s mal mit demokratischen Wahlen?
  • [Gegenruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Da sind Sie ja Spezialisten
  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Da sind Sie ja Spezialisten

Ich kann über unseren Einsatz in Afghanistan nicht sprechen, ohne an dieser Stelle unseren Dank an alle Soldaten, Polizisten und Entwicklungshelfer auszusprechen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD
  • [Beifall] FDP

Sie haben zum Teil sehr gefährliche Aufgaben in Afghanistan zu meistern. Ich kann hier auch nicht über Deutschlands Einsatz in Afghanistan sprechen, ohne besonders an jene zu denken, die ihr Leben lassen mussten oder verwundet wurden. Wir werden ihren Einsatz niemals vergessen. Meine Damen und Herren, der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan wie auch in anderen Regionen unserer Erde ist hart. Er verlangt der Bundeswehr viel ab. Aber unsere Bundeswehr ist leistungsstark. Sie ist in der Mitte der Gesellschaft verankert. Das hat sich mehr als bewährt. Die neue Bundesregierung hat entschieden, die Wehrpflicht auf sechs Monate zu verkürzen.

  • [Zuruf] Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): So ein Blödsinn

Sie hat nicht beschlossen, die Wehrpflicht abzuschaffen – aus guten Gründen nicht. Jetzt geht es darum, die sechs Monate Wehrpflicht so effizient wie möglich auszugestalten, damit diese Verkürzung kein Einstieg in den Ausstieg aus der Wehrpflicht wird.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Zuruf] Alexander Ulrich (DIE LINKE): Macht überhaupt keinen Sinn mehr

Damit das gelingt, wollen wir natürlich auch Maßnahmen ergreifen, die dann zu mehr Wehrgerechtigkeit als heute führen. Dazu sind wir entschlossen. Wir stehen auch weiter zu dem Konzept der vernetzten Sicherheit, also der Vernetzung von militärischen und zivilen Maßnahmen. Deshalb sage ich auch ganz deutlich: Für die neue Bundesregierung ist Entwicklungszusammenarbeit keine Nebensache, sondern eine Hauptsache.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Lachen] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Lachen] SPD
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Niebel-Sache
  • [Zuruf] Alexander Ulrich (DIE LINKE): Die FDP wollte das Ministerium doch abschaffen
  • [Zuruf] Sigmar Gabriel (SPD): Dann wird der Niebel jetzt wieder rausgeschmissen

Deshalb bekräftige ich heute vor diesem Hohen Hause ausdrücklich: Das Erreichen der Millenniumsziele für Afrika ist und bleibt uns Verpflichtung. Wir halten am Ziel fest, bis 2015 0, 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Entwicklungspolitik bereitzustellen. Auch das ist eine moralische Aufgabe.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Meine Damen und Herren, die von mir genannten fünf Punkte kennzeichnen die Größe der Aufgabe, die die neue Regierung zu meistern hat. Kaum eine Regierung vor uns hat seit 1990 vor derartigen Herausforderungen gestanden. Ich will ehrlich sein: Was vor uns liegt, das ist kein leichter Weg. Es wird immer wieder harter Entscheidungen bedürfen, und ich kann nicht versprechen, dass alles schnell leichter und besser wird. Aber was ich sagen kann, ist dieses: Wir haben bei allen Schwierigkeiten viel Anlass zur Zuversicht. Wir haben in der 60 -jährigen Geschichte unseres Landes schon ganz andere Aufgaben gemeistert: den Wiederaufbau nach dem Krieg, die Überwindung der Teilung, den Sieg der Freiheit, den Aufbau der neuen Bundesländer. Es ist wahr, jede große Herausforderung hat ihre spezifischen Umstände. Aber wahr ist auch: Gemeistert haben wir sie alle, weil wir uns auf die Werte besonnen haben, die am Anfang unseres Landes standen: Frieden in Freiheit, Einheit und Zusammenhalt, solidarisches Miteinander, Vertrauen in die Kraft der Menschen – mit einem Wort: auf Freiheit in Verantwortung. Das ist das Leitbild der christlichliberalen Koalition. Damit werden wir Deutschland zu neuer Stärke führen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Die Parteien, meine Damen und Herren, die diese neue Regierung bilden, Union und FDP, sind die Parteien, die die soziale Marktwirtschaft in Deutschland eingeführt und verankert haben. Union und FDP sind die Parteien, die nie an der Kraft unseres freiheitlichen Wirtschafts- und Sozialsystems gezweifelt haben.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Wir, Union und FDP, haben jetzt den Auftrag erhalten, Deutschland stärker aus der Krise zu führen, als es in sie hineingegangen ist, und so unserem Land und seinen Menschen eine gute Zukunft zu sichern. Darum geht es, ganz schlicht: um eine gute Zukunft. Ich bitte alle Bürgerinnen und Bürger, auf diesem Weg mitzumachen. Jeder ist Teil des Ganzen. Jeder kann Deutschland besser machen. Das schließt auch die Opposition unseres Landes ein.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Widerspruch] DIE LINKE
  • [Widerspruch] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Widerspruch] SPD

– Das schließt auch die Opposition ein. Das Land braucht uns alle, die wir in politischer Verantwortung stehen. Meine Regierung bietet dem ganzen Deutschen Bundestag eine faire und vertrauensvolle Zusammenarbeit an. Wir bieten allen Gruppen unserer Gesellschaft–Wirtschaft, Gewerkschaften, Kirchen, Religionsgemeinschaften, Wissenschaft, Kultur – eine faire und vertrauensvolle Zusammenarbeit an, weil wir überzeugt sind: Es lohnt sich, gemeinsam für Deutschland zu arbeiten. Es lohnt sich, weil hier unsere Heimat und unsere Zukunft sind. Herzlichen Dank.

  • Langanhaltender Beifall bei der CDU/ CSU und der FDP

Ich eröffne die Aussprache und erteile das Wort dem Kollegen Dr. Frank-Walter Steinmeier für die SPD-Fraktion.

  • [Beifall] SPD

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Union und FDP – da sitzt es nun, das selbsternannte Traumpaar der deutschen Politik. Auf alles war dieses Traumpaar vorbereitet, nur nicht auf gemeinsames Regieren. Diese Kleinigkeit haben sie vergessen.

  • [Beifall] SPD
  • [Widerspruch] CDU/CSU

Aber die Öffentlichkeit hat ihr Urteil schon gesprochen. „Blanker Dilettantismus“, „Klientel statt Klarheit“, „finanzpolitischer Blindflug“, das sind nicht meine Worte, nicht nur die Worte der Opposition, sondern so urteilt auch die Wirtschaftspresse, Ihre enttäuschte Anhängerschaft.

  • [Widerspruch] CDU/CSU

Katastrophaler hätte der Fehlstart nicht sein können. Durchgefallen, und das knapp zwei Wochen nach dem Start.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Wir hätten hier gern etwas zu der Koalitionsvereinbarung gehört. Was Sie mit dieser Vereinbarung abgeliefert haben, ist ein einziges Dokument der Vertagung, der Verunsicherung, gestreckt auf 124 Seiten. Wenn es in den vergangenen Wochen Taktik war, Verwirrung in der deutschen Öffentlichkeit zu stiften, dann haben Sie damit allerdings sehr großen Erfolg gehabt. Acht Kommissionen und 15 Prüfaufträge finden sich in diesem Koalitionsvertrag. Alle schwierigen Entscheidungen haben Sie vertagt. Kaum war die Tinte trocken, musste schon zu Nachverhandlungen eingeladen werden.

  • [Beifall] SPD

Heute Klarheit zu schaffen, Frau Merkel, wäre Ihre Aufgabe gewesen. Deshalb hat sich der Deutsche Bundestag heute hier versammelt, und das erwartet die deutsche Öffentlichkeit. Aber ich sage Ihnen ebenso offen: Nach der Hauerei der Koalitionäre am vergangenen Wochenende habe ich geahnt, dass das nichts wird. Frau Bundeskanzlerin, das eben war keine Regierungserklärung, sondern ein Regierungsrätsel, und Sie kennen die Lösung selbst nicht.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Lachen] CDU/CSU
  • [Lachen] FDP

Rätselhaft ist, wann, wo und wie die versprochenen Steuersenkungen umgesetzt werden sollen. Rätselhaft ist, wie Sie diese Steuersenkungen finanzieren wollen, was Sie den Menschen dann zumuten wollen, was Sie ihnen aufbürden wollen:

  • [Zuruf] Veronika Bellmann (CDU/CSU): Haben Sie nicht zugehört?

Erhöhung von Abgaben, Kürzungen bei den Sozialleistungen oder bei der Bildung, Einführung der Pkw-Maut oder am Ende alles zusammen? Seit Wochen verweigern Sie darüber die Auskunft, und heute sind wir auch nicht schlauer.

  • [Beifall] SPD

Ich sage Ihnen auch: Vernebeln als Strategie hat in dieser Koalition und in dieser Koalitionsvereinbarung Methode. Ihr erstes Gesetz – Sie haben es vorhin vorgestellt – ist das Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Orwell hätte seine helle Freude daran. Es handelt sich um kryptische Wortungetüme, die das Gegenteil von dem meinen, was sie sagen. Warum sage ich das?

  • [Lachen] CDU/CSU

– Hören Sie genau hin! – Dieses Wachstumsbeschleunigungsgesetz ist doch in Wirklichkeit ein Zukunftsverhinderungsgesetz.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Allein für diese Maßnahmen muss der Bund bis 20133, 9 Millionen Euro mehr an Zinsen zahlen,

  • [Zuruf] Wolfgang Zöller (CDU/CSU): Sie verwechseln Millionen mit Milliarden

Geld, das dann für Forschung und Investitionen fehlt. So entsteht eben kein Wachstum. So verhindert man Wachstum, so macht man Zukunft kaputt. Deshalb ist das der falsche Weg.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Was Sie mit diesem Koalitionsvertrag vorlegen, ist keine Konjunkturpolitik. Das ist Klientelpolitik. Ich frage mich: Was reitet Sie da eigentlich mitten in dieser tiefsten Krise, wo doch alle wissen – Sie haben es eben selbst gesagt –, dass das dicke Ende auf dem Arbeitsmarkt noch kommt? Millionen von Menschen – nicht nur bei Opel – bangen um ihre Zukunft. Aber was machen Sie? Sie verteilen Geschenke an Steuerberater, Erben, Ärzte und Hotelketten.

  • [Zuruf] CDU/CSU: Oh

Ich sage Ihnen: Wenn das die Antwort auf die Krise ist, dann ist diese Regierung fehl am Platze.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Das ist alles erst der Anfang. 24 Milliarden Euro Steuerentlastungen sollen noch in Aussicht stehen. Steuergeschenke auf Pump sind doch ökonomische Geisterfahrerei.

  • [Beifall] Oskar Lafontaine (DIE LINKE)
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Ich habe mich immer gefragt, Frau Bundeskanzlerin, was Sie meinten, wenn Sie gesagt haben, mit der FDP könnten Sie endlich all das machen, was mit der SPD nicht möglich gewesen sei. Jetzt wissen wir, was gemeint war: zusätzliche Schulden in Rekordhöhe, und das für Steuersenkungen, die schlicht und einfach nicht finanzierbar sind. Das ist die Botschaft, die Sie zwar nicht aufgeschrieben haben, die aber alle so verstanden haben. Das versichere ich Ihnen.

  • [Beifall] SPD

Damit das am Ende nicht so auffällt, wollten Sie diese Schulden anfänglich in riesigen Schattenhaushalten verschwinden lassen.

  • [Zuruf] Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja, genau

An dieser Stelle sind Sie scheinbar und nur unter öffentlichem Druck zurückgerudert. Wenn man aber in diesem Koalitionsvertrag das Kleingedruckte liest, dann muss man sagen: Das gigantische Täuschungsmanöver, das dort angelegt war, ist doch erhalten geblieben; da steht jetzt nur etwas anderes. Sondervermögen für generationengerechte Finanzen, so wird im Koalitionsvertrag fabuliert. Was ist das denn anderes als ein Schattenhaushalt im neuen Gewand? Das Ganze wird nur gemacht, um Spielgeld für Steuersenkungen zu haben. Frau Merkel und Herr Westerwelle, diese Operation „Täuschen, Tricksen, Vernebeln“ wird scheitern. Sie muss scheitern. Wir werden dabei helfen; das versprechen wir Ihnen.

  • [Beifall] Oskar Lafontaine (DIE LINKE)
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Wir lassen uns nicht blenden von der einen oder anderen verharmlosenden Überschrift in diesem Koalitionsvertrag. Wer da nämlich genau hinschaut und wer ein bisschen gelernt hat, zwischen den Zeilen zu lesen, der erkennt doch in diesem Koalitionsvertrag: Da sind Weichen für eine andere Republik gestellt. Frau Merkel, Sie haben letzte Woche in Washington vor dem Kongress gesagt, dass es unsere Aufgabe sei, Mauern niederzureißen, Mauern in unseren Köpfen, Mauern aufgrund eines kurzsichtigen Eigeninteresses, Mauern zwischen Gegenwart und Zukunft. Schön gesagt. Ich denke, da sind wir alle in diesem Haus einer Meinung. Das Problem ist nur: Sie meinen das nicht ernsthaft.

  • [Widerspruch] CDU/CSU

Hier zu Hause tun Sie genau das Gegenteil.

  • [Beifall] SPD

Dieser Koalitionsvertrag reißt keine Mauern ein. Er zieht neue Mauern hoch. Das ist die bittere Wahrheit. Das wird sich herausstellen.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] Jörg van Essen (FDP): Das glaubst du doch selber nicht

Verniedlichen Sie das nicht! In diesem Koalitionsvertrag sind durch eine Rekordverschuldung Spaltungen zwischen dieser Generation und den kommenden Generationen angelegt. Sie spalten zwischen den Kindern mit reichlich Chancen und den Kindern mit wenigen Chancen. Sie legen im Gesundheitswesen die Axt an das Solidarprinzip an.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Sie gefährden den sozialen Zusammenhalt, und Sie treiben dieses Land mit der Rückkehr zur alten Atompolitik – das prophezeie ich Ihnen – in den damaligen gesellschaftlichen Großkonflikt zurück. Deshalb sage ich: Sie wollten Brücken bauen, doch in Wirklichkeit heben Sie Gräben aus. Das wird das Ergebnis der Politik sein. Das hat dieses Land, das haben die Menschen in diesem Land nicht verdient.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Herr Westerwelle, ich erinnere mich noch gut daran, wie Sie als Oppositionsredner in den vergangenen Jahren anlässlich von Haushaltsberatungen an diesem Pult gestanden haben.

  • [Zuruf] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh ja

Schulden von heute sind die Steuererhöhungen von morgen, haben Sie immer gesagt. Die Frage ist nur: Warum gilt das alles nicht mehr? Vor ein paar Monaten haben Sie uns noch das Liberale Sparbuch auf den Tisch geknallt, und jetzt sind Sie der Schuldenmacher der Nation. Ämter verändern Menschen; aber das ist Mutation in Lichtgeschwindigkeit.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Darum geht es aber gar nicht. Viel schlimmer ist: Unsere Kinder und Enkel werden diese Zeche bezahlen, weil der Trick „Steuersenkungen finanzieren sich selbst“ – sie alle wissen das – natürlich nicht funktioniert. Er hat nie funktioniert, nicht bei Ronald Reagan und nicht bei Theo Waigel. Das Schlimme ist: Sie wissen, dass er auch bei Ihnen nicht funktionieren wird. Dennoch machen Sie es. Das ist vorwerfbar, das ist Handeln wider besseres Wissen und Täuschung, und dies werfen wir Ihnen vor.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Ich bin fest davon überzeugt: Schon im nächsten Sommer wird sich zeigen, Frau Bundeskanzlerin, dass diese Schuldenpolitik tiefe Löcher nicht nur in den Haushalt des Bundes, sondern auch in die Haushalte der Länder und Kommunen reißt. Sie werden dann dort sparen müssen, wo es um Lebenschancen von Kindern geht. Wir werden weniger neue Ganztagsschulen und weniger Jugendsozialarbeit haben. Viele Kinder wird das treffen, aber manche besonders hart, nämlich diejenigen, die am Rande dieser Gesellschaft stehen. Dafür liefert in der Tat das erste Gesetzesvorhaben, zu dem Sie eben geredet haben, den ersten Beweis. Ich verstehe, dass sich die Menschen freuen, wenn mehr Geld für Familien versprochen wird. Aber der Grundsatz muss doch heißen: Jedes Kind ist uns gleich viel wert.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Aber was machen Sie? Was ist die Folge Ihres Gesetzesvorschlags? Die Folge ist – das sollten alle wissen –: Die Verkäuferin bekommt 240 Euro im Jahr mehr, und die Besserverdienenden bekommen fast das Doppelte, 443 Euro, mehr. Sie treiben die Schere zwischen armen und reichen Familien weiter auseinander. Ich sage: Das ist nicht gerecht. Das ist die falsche Politik.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Die ganze Wahrheit ist: Dieses Füllhorn können wir nicht zweimal ausschütten. Wer den Kinderfreibetrag und das Kindergeld erhöht, muss auch sagen, was das für den Ausbau der Betreuung bedeutet. Da werden Sie ganz schmallippig. Wo ist denn da ein einigermaßen glaubwürdiges Gesamtkonzept? Die letzten zehn Jahre waren wir doch auf einem ganz ordentlichen Weg: mehr Betreuung, auch mehr Ganztagsbetreuung, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber das, was jetzt kommt – das haben Sie eben angedeutet –, ist doch ein Salto rückwärts.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Denn Sie sagen den Eltern nicht, dass Großzügigkeit jetzt und heute ihren Preis hat und dass Sie das Geld nicht zweimal ausgeben können. Das heißt, der Ausbau der Betreuung wird zum Ende kommen. Sie verkennen, dass auch Ihre Politik Prioritäten setzen muss. Ich sage: Wenn ich über Prioritäten entscheide, dann muss der Ausbau der Betreuung Priorität haben.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Es muss doch Einverständnis in diesem Hohen Hause bestehen, dass moderne Familienpolitik nur da sein kann, wo Familien, wo Eltern ihren Lebensunterhalt wirklich selbst verdienen können. Das ist moderne Familienpolitik, und die verraten Sie ein zweites Mal. Ich weiß, es wird viel über die Herdprämie geredet. Das richtige Wort müsste eigentlich sein: Fernhalteprämie.

  • [Widerspruch] CDU/CSU

– Schauen wir doch einmal in einige Randbezirke der deutschen Großstädte, auch Sie! Hier in Berlin gibt es genügend Anschauungsmaterial.

  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Ja, ja, genau Berlin, Rot-Rot In Berlin gibt es das

– Auch in Köln, in Hamburg, in München und anderswo.– Anreize dafür zu geben, dass die Kinder zu Hause bleiben, statt mit anderen zu lernen, das ist doch zynisch.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Sie, Frau von der Leyen, haben das Betreuungsgeld als bildungspolitische Katastrophe bekämpft. Ich fordere Sie auf: Wenden Sie diese Katastrophe ab! Unsere Unterstützung haben Sie dabei; das versprechen wir Ihnen.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Das reicht halt nicht

Bessere Betreuung und bessere Bildung gehören zusammen. Wir wollen keine verlorene Generation der Schulabbrecher. Wir müssen nach wie vor über sozialen Aufstieg reden. Ich weiß, was das ist. Aber noch mehr müssen wir über sozialen Einstieg reden. Wenn ich über sozialen Einstieg rede, dann meine ich Zuwandererfamilien, aber weiß Gott nicht nur die. Was brauchen sie? Sie brauchen konkrete Hilfe, Sprachtraining, Förderlehrer und Sozialarbeiter. Sie brauchen mehr davon und weniger an sozialen Hürden auf den Bildungslaufbahnen. Deshalb kann die Antwort nur sein: weg mit den Gebühren von der Kita bis zur Universität! Das und nur das ist moderne Bildungspolitik, und das wollen Sie einfach nicht glauben.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Ich habe vorhin gesagt, und das mit großem Ernst: In diesem Koalitionsvertrag ist soziale Spaltung angelegt. – Dies wird auch Ihnen in den nächsten Wochen und Monaten mit dem Beginn der politischen Auseinandersetzung hier in diesem Hause deutlich werden. – Das ist nirgendwo deutlicher als in der Gesundheitspolitik. Das ist nicht irgendetwas; da steht was auf dem Spiel! Ich habe mich in der Vergangenheit darum gekümmert. Deshalb sage ich Ihnen: Vielleicht schauen wir manchmal ein wenig zu nachlässig auf das, was wir miteinander erreicht haben. Andere jedenfalls – das weiß ich aus vielen Kontakten mit dem Ausland –, auch die Amerikaner, gerade in der heutigen Situation, schauen mit Anerkennung auf unser Gesundheitssystem: dass wir es geschafft haben, dass bei uns nach wie vor jeder Zugang zu medizinischen Leistungen hat, dass Menschen für Menschen in diesem Gesundheitssystem einstehen und dass wir die Kosten solidarisch tragen. Auch wenn wir es nicht jeden Tag so hoch bewerten, andere tun es; das kann ich Ihnen versichern. Das ist nicht irgendetwas, wenn Sie jetzt darangehen und das Prinzip der Solidarität an einer, wie ich finde, ganz entscheidenden Stelle zum Kippen bringen, indem Sie das Vorhaben wahrmachen, die Arbeitgeberbeiträge zur Krankenversicherung wirklich einzufrieren. Was ist denn die Botschaft? Sie ist doch ganz einfach zu verstehen. Die Botschaft ist: Sie verlagern die Risiken für die weitere Zukunft einseitig auf die Versicherten.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] Dr. Hans-Peter Friedrich (CDU/CSU): Das ist eine falsche Interpretation

Ob das höhere Ärztehonorare sind, die Sie gerade beschlossen haben, oder steigende Arzneimittelpreise: Sie schonen die einen und belasten die anderen. Das ist es, was ich „Ausstieg aus der Solidarität“ nenne.

  • [Beifall] SPD

"Die Arbeitgeber"

– das habe ich heute Morgen in einer bekannten deutschen Tageszeitung gelesen – "sind aus dem Schneider. Schleichend machen sie sich vom Acker des Sozialstaates." Das hat kein Sozialdemokrat gesagt, das hat ein Christdemokrat gesagt. Norbert Blüm schreibt das heute in der Süddeutschen Zeitung.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] SPD
  • [Widerspruch] CDU/CSU
  • [Widerspruch] FDP

Das ist aus unserer Sicht der falsche Weg. Das ist ein Weg, der den sozialen Zusammenhalt gefährdet. Wir gehen auf diesem Weg nicht mit.

  • [Zuruf] Hartwig Fischer (CDU/CSU): Gott sei Dank

Richten Sie sich in dieser Frage auf ganz harten Widerstand ein!

  • [Beifall] SPD

Aber das ist nicht alles. Wenn man ein wenig weiter und genauer liest, dann kommt man noch auf einen anderen Punkt. Sie planen Entsolidarisierung nicht nur zwischen Arbeitgebern und Versicherten, Arbeitgebern und Arbeitnehmern, sondern auch im Verhältnis der gesetzlichen Krankenkassen zueinander. Auch wenn das im Augenblick noch keiner so richtig gemerkt hat,

  • [Zuruf] Otto Fricke (FDP): Sie schon

– danke, Herr Fricke. – geht es im Grunde genommen darum: Sie wollen über den Gesundheitsfonds an den Finanzausgleich zwischen den armen und den reichen Krankenkassen heran. Das mag gut für Bayern sein, aber ist schlecht für den Osten.

  • [Beifall] SPD

Denn was wird die Folge sein für die strukturschwachen Regionen, und zwar nicht nur in Ostdeutschland, sondern auch in einigen Gegenden in Westdeutschland? Die Folge sind entweder irrsinnig hohe Beiträge oder aber weniger Leistung und weniger Ärzte. Das ist erkennbar nicht die Lösung, sondern das Problem. Dieses Problem schaffen Sie in dieser Regierung selbst, weil Sie die Solidarität und das Einstehen füreinander im gesetzlichen Gesundheitssystem in Deutschland nicht wirklich verstehen. So wird ruiniert, was uns in den sechs Jahrzehnten der Nachkriegszeit stark gemacht hat, sowohl was den sozialen Zusammenhalt als auch was die Demokratie in Deutschland betrifft.

  • [Beifall] Krista Sager (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
  • [Beifall] SPD

Im Kern spreche ich über den Bereich Gesundheit, aber den Geist, den ich beschreibe und den ich kritisiere, sehe ich an verschiedenen Stellen des Koalitionsvertrages. Dieses Land wird gespalten zwischen denen, die alleine zurechtkommen, und denjenigen, die abgehängt werden. Wir haben die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in den letzten Tagen bei den Feierlichkeiten zur deutschen Einheit immer wieder genannt, bewertet, betont und unterstrichen. Wir haben feierlich beschworen, dass das ein Gebot der Verfassung ist. Gerade deshalb dürfen wir das nicht aufgeben, auch nicht schleichend. Sie haben in dieser Koalitionsvereinbarung ein verharmlosendes Wort, ein Vernebelungswort gefunden. Dieses Vernebelungswort lautet – ich habe es im Koalitionsvertrag mehrfach gefunden –: Regionalisierung. Sie wollen regionale Hebesätze bei der Erbschaftsteuer, sie wollen eine Regionalisierung bei der Krankenversicherung, und das alles am Ende mit derselben Konsequenz: Wer mehr hat, darf mehr behalten. Das ist Ihre Politik, Frau Bundeskanzlerin. Ich finde, wir finden, das ist die falsche Politik, und wir werden sie bekämpfen.

  • [Beifall] SPD

Ich bin mir sicher: Wir werden da nicht alleine sein, nicht in diesem Hohen Hause und auch nicht in der deutschen Öffentlichkeit insgesamt. Warum sage ich das? In den Kommunen fehlen infolge der Wirtschaftskrise schon jetzt Steuereinnahmen in Höhe von 6 Milliarden Euro. Viele Kommunen – Sie hören das auch von Bürgermeistern und Oberbürgermeistern aus Ihren Reihen – stehen schon jetzt mit dem Rücken zur Wand. Durch die Änderungen und durch die Prüfaufträge, die Sie vergeben haben, droht den Kommunen in Wahrheit, dass ihnen auch noch das letzte Hemd genommen wird: ohnehin weniger Einkommensteuereinnahmen, Infragestellung der Gewerbesteuer durch die Kommission, die Sie einberufen, und Wegfall des Mehrwertsteuerprivilegs für die kommunalen Unternehmen. Meine Damen und Herren, wenn Sie mit diesen Plänen in all den Bereichen wirklich durchkommen, dann sind die Kommunen am Ende. Wenn Sie das mir nicht glauben – dafür hätte ich ja noch Verständnis –, dann sollten Sie es doch der Frankfurter Oberbürgermeisterin glauben, die Ihrer Partei angehört. Sie spricht von „Demontage der kommunalen Selbstverwaltung“. Die Menschen werden das bitter zu spüren bekommen.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Frau Roth hat das gesagt, der Deutsche Städtetag hat das gesagt, und auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund ist auf dieser Linie. Sie haben doch gar keine andere Wahl, wenn Sie diese Politik wirklich wahr werden lassen. Was sollen sie denn anderes tun, als das, was ihnen genommen wird, in Gebühren- und Abgabensteigerungen für die Bürger zu übersetzen? Das ist das Kleingedruckte in Ihrem Koalitionsvertrag. Das ist das, was viele bisher übersehen haben. Deshalb sage ich: Schwarz-Gelb wird am Ende eben nicht mehr Netto vom Brutto bedeuten. Sie gehen den anderen Weg, den der Abgaben- und Gebührensteigerungen. Ich prophezeie Ihnen: Am Ende wird es weniger Netto vom Brutto sein. Das wird Ihre Politik ergeben.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Das aus meiner Sicht Verheerendste zum Schluss: Sie entzweien das Land weiter. Auf der einen Seite sind diejenigen, die von ihrer Arbeit leben können, und auf der anderen Seite diejenigen, die mit Billiglöhnen abgespeist werden. Das Gegenteil ist richtig; wir wissen das doch alle. Wenn es richtig ist – ich jedenfalls glaube daran –, dass derjenige, der den ganzen Tag arbeitet, auch von seinem Lohn einigermaßen leben können muss, und dies immer noch das Grundprinzip einer Arbeitsgesellschaft ist,

  • [Beifall] SPD

dann machen Sie dieses Prinzip kaputt, und zwar wieder mit einem Trick an der entscheidenden Stelle; Sie haben ihn eben vorgestellt. Sie sagen, dass Sie in Ihrer Koalition sittenwidrige Löhne ausschließen wollen. Ich sage: Was für ein Heldenmut! Das gilt schon, und das wissen alle Beteiligten hier.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Sittenwidrig sind nach herkömmlicher Rechtsprechung Löhne – das wissen Sie alle –, die die Tariflöhne bzw. die ortsüblichen Löhne um mehr als ein Drittel unterschreiten. Was heißt das auf gut Deutsch? Das heißt, dass Sie für Hunderttausende in dieser Republik Billiglöhne von 4 Euro festschreiben, und das als diejenigen, die in diesem Wahlkampf „Arbeit muss sich wieder lohnen“ plakatiert haben. Was ist das für ein Leistungsbegriff?

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Ich kann fragen: „Was ist das für ein Leistungsbegriff?“, aber eigentlich müsste man fragen: Was ist das für ein Menschenbild? Wenn Eltern ihren Kindern sagen müssen: „Ich war zwar den ganzen Tag arbeiten, aber am Monatsende muss ich trotzdem aufs Amt“, dann ist und bleibt das entwürdigend. Das ist heute entwürdigend, und das ist die Altersarmut von morgen. Deshalb ist das der falsche Weg. Mindestlöhne sind die richtige Antwort, und diese Antwort verweigern Sie in der Koalitionsvereinbarung, in der Politik.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] DIE LINKE: Sie haben es doch eingeführt

Schuldenpolitik im Blindflug, Schwächung der Schwachen, Stärkung der ohnehin Starken, Entsolidarisierung beim Gesundheitssystem, Ausspielen der Regionen gegeneinander, Ausbluten der Kommunen, aber eben gleichzeitig vollmundige Steuersenkungen auf Pump – Frau Merkel, Herr Westewelle, ich glaube, Sie sind nicht das Traumpaar der deutschen Politik. Wenn das so wahr wird, dann werden Sie zum Traumtänzerpaar. Das spricht sich mittlerweile herum.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Frau Bundeskanzlerin, diese Regierung hat einen Koalitionsvertrag, aber sie hat keinen Plan. Da ist kein Projekt, da ist kein Anspruch, und da ist kein Ehrgeiz. Das ist das eigentlich Schlimme, weil unser Land – auch Sie sagen es – vor entscheidenden Jahren steht. Unser Land braucht eine Leitidee, wie Wohlstand und Arbeit in diesem neuen Jahrzehnt entstehen können, eine Idee, welche Konsequenzen wir aus der Krise der Finanzmärkte, mittlerweile einer weltweiten Wirtschaftskrise, ziehen, wie wir die daraus entstehenden Lasten fair verteilen, wie wir die Finanzmärkte dazu bringen und zwingen, ihren Beitrag zu leisten, und vor allen Dingen wie wir verhindern, dass sich diese Krise wiederholt. Wir brauchen eine Idee, wie wir die sozialen Gräben dieses Landes überwinden, wie wir wirkliche Chancengleichheit schaffen und wie wir im Bereich der Integration nachholen, was wir jahrzehntelang möglicherweise versäumt haben. Nur wer Antworten auf diese Fragen hat, kann ernsthaft und kraftvoll regieren. Diese Regierung–davon bin ich überzeugt – hat sie jedenfalls nicht.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Sie haben gesagt, Frau Bundeskanzlerin: In diesem Land steckt viel. Ja, aber das Problem ist: In dieser Regierung steckt der Wurm. Deshalb haben Sie die schönsten Tage Ihrer Regierungszeit schon hinter sich. Vielen Dank.

  • [Anhaltender Beifall] SPD
  • [Beifall] DIE LINKE

Ich erteile das Wort der Kollegin Birgit Homburger für die FDP-Fraktion.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Joachim Poß (SPD): Frau Homburger zeigt uns jetzt, wo der Wurm steckt

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Der Beginn der Arbeit des 17. Deutschen Bundestages fällt zusammen mit dem Jahrestag des Falls der Mauer vor 20 Jahren. Deshalb ist es richtig, dass wir uns in diesen Tagen erinnern, dass wir zurückschauen und uns noch einmal vergegenwärtigen, was vor 20 Jahren geschah. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, dann stehen für mich ganz persönlich nicht nur diese historische Situation und geschichtliche Tatsachen im Vordergrund, die unser Land verändert haben. Vielmehr bewegt mich damals wie heute die emotionale Verfasstheit unseres Landes, die von einer Aufbruchstimmung geprägt war. Wir können aus dieser Zeit etwas lernen: was Solidarität untereinander, was Hilfsbereitschaft, was spontane Freude über das unerwartete Glück anderer angeht und welche Kraft das Bewusstsein für die Bedeutung von Freiheit in einem Volk freisetzen kann.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Der Fall der Mauer markiert den Sieg der Freiheit über die Unfreiheit. Er ist im Endeffekt ein Geschenk derjenigen, die den Mut hatten, etwas Neues zu schaffen, auf die Straße zu gehen. Er ist ein Geschenk der Mutigen an ein ganzes Volk, an den Staat und an die ganze Welt. Die Überwindung der deutschen Teilung beendete auch die Spaltung Europas. Die europäische Einigung hat zur Stabilisierung des Friedens in Europa beigetragen. Der Vertrag von Lissabon eröffnet uns heute Chancen, diese Zusammenarbeit in Europa weiter zu vertiefen. Wir als Koalition wollen die Chancen nutzen und dafür sorgen, dass diese vertiefte Einigung Europas auch im Alltag umgesetzt wird.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

In der Außenpolitik haben wir viele Kontinuitätslinien.

  • [Zuruf] SPD: Das ist doch keine Geschichtsunterrichtsstunde– Kommen Sie doch einmal zum Thema

Aber es gibt auch einige neue Akzente, die gesetzt werden. Es ist heute schon deutlich geworden, dass die Abrüstungspolitik für diese Regierung eine zentrale Rolle spielt.

  • [Zuruf] Claudia Roth (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wann ist das denn deutlich geworden?
  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Aha Interessant

Wir als Koalition unterstützen die von US-Präsident Barack Obama unterbreiteten Vorschläge für neue, weitgehende Abrüstungsinitiativen mit Nachdruck. Das schließt auch das ehrgeizige Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt mit ein. Selbst Zwischenschritte auf dem Weg dorthin stellen einen bedeutenden Zugewinn für die weltweite Sicherheit dar.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Daher werden wir uns in der NATO und auch gegenüber den USA weiterhin dafür einsetzen, dass die in Deutschland verbliebenen Atomwaffen abgezogen werden. Das war nicht immer so klar, wie es jetzt im Koalitionsvertrag steht. Es ist gut für Deutschland, dass wir uns darauf verständigt haben.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Eine besondere Herausforderung in der Außenpolitik stellt der Einsatz in Afghanistan dar. Wir haben als Koalition deutlich gemacht, dass wir wissen, was dieser Einsatz gerade für unsere Soldatinnen und Soldaten bedeutet. Es geht um die Stabilisierung Afghanistans; sie ist in unserem eigenen Interesse. Aber es geht nicht nur um Stabilisierung, sondern wir wissen ganz genau, dass die Soldatinnen und Soldaten jeden Tag vor großen Herausforderungen und auch in einem Kampfeinsatz stehen. Diese Regierung hat deutlich gemacht, dass wir wissen, um was es dort geht. Ich sage an dieser Stelle: Wir sind dankbar für das, was vor Ort geleistet wird: von unseren Soldatinnen und Soldaten, aber auch von den Polizisten, die an der Polizeiausbildung mitwirken, und von den Entwicklungshelfern.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Uns geht es darum, zusammen mit den Partnern eine Strategie zu finden, die den Wiederaufbau in den Mittelpunkt stellt und die vor allen Dingen dafür sorgt, dass Afghanistan dauerhaft selbst für Sicherheit und Ordnung sorgen kann. Deswegen werden wir die Ausbildung des Militärs, aber auch die Ausbildung der Polizei weiter verstärken. Das ist der Schlüssel dazu, dass die afghanische Regierung selbst für Sicherheit und Ordnung sorgen kann. Je früher das möglich ist, desto früher gibt es eine Perspektive, den Afghanen allein die Verantwortung für dieses Land zu übertragen. Das ist unser Ziel.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Herr Steinmeier, ich möchte an dieser Stelle sagen, dass es mich ein bisschen verwundert, dass Sie überhaupt nichts zur Außenpolitik gesagt haben. Wir hatten in den vergangenen Jahrzehnten in diesem Hause die gute Tradition, dass in der Außenpolitik viel gemeinsam geht.

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ja Das war aber vor Niebel

Die Tatsache, dass Sie, Herr Steinmeier, hierzu nichts gesagt haben, wirft die Frage auf, ob Sie, ob die SPD sich hier vom Acker stehlen will.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Widerspruch] SPD
  • [Zuruf] SPD: Könnten Sie vielleicht auch einmal etwas zu Ihrem Koalitionsvertrag sagen?– Thema verfehlt
  • Wovon reden Sie denn da?

Der Einsatz der Bundeswehr an vielen Orten der Welt

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ich will mal sehen, was Sie beim Libanon-Einsatz machen

zeigt uns längst, dass die Bundeswehr eine Armee im Einsatz geworden ist. Deswegen war es richtig, dass wir im Koalitionsvertrag festgelegt haben, dass die Organisationsstruktur der Bundeswehr überprüft wird, und richtig war auch, dass die FDP hinsichtlich der Wehrpflicht konsequent durchgesetzt hat, dass die Grundwehrdienstzeit zum 1. Januar 2011 von neun auf sechs Monate verkürzt wird.

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Wollten Sie die Wehrpflicht nicht abschaffen?

Das ist eine Reduzierung um ein Drittel. Das bringt eine Entlastung der Wehrpflichtigen. Es zeigt deutlich, dass auch an dieser Stelle Bewegung möglich ist.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Swen Schulz (SPD): Es ist nichts Halbes und nichts Ganzes Das funktioniert doch nicht

Wir blicken in diesem Jahr nicht nur auf 20 Jahre Mauerfall, sondern auch auf 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland zurück. Den Wohlstand, der in diesem Land in dieser Zeit erarbeitet wurde, verdanken wir der sozialen Marktwirtschaft. Sie hat sich in vielen Krisen als lern- und zukunftsfähiges Modell erwiesen. Dabei ist völlig klar, dass wir das, was geschaffen wurde, nicht durch möglichst viel Gleichheit, sondern durch möglichst viel Freiheit erreicht haben, im Glauben an und im Vertrauen auf die Kraft, den Fleiß, die Leistungsbereitschaft und die Kreativität der Menschen in diesem Land. Genau diese Leistungsbereitschaft, genau diese Kreativität wollen wir durch mehr Freiheit wieder freisetzen und für die Zukunft nutzen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Viele Menschen in diesem Land fürchten angesichts der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise um ihre Existenz. Viele Arbeitnehmer fürchten um ihre Arbeitsplätze; aber, was oft vergessen wird, auch viele Unternehmerinnen und Unternehmer fürchten um ihre Existenz.

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Frau Schickedanz

Viele große Unternehmen stecken in erheblichen Schwierigkeiten. Menschen, die aufgrund der Wirtschaftskrise ihren Arbeitsplatz verloren haben oder in Hartz IV geraten sind, verlieren ihr Erspartes und oft genug auch ihre Zuversicht. Dagegen stellen wir uns. Das schafft man aber nicht mit Verzagtheit, das schafft man nur mit klaren Reformen und mit mehr Freiheit im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Angesichts der Finanzmarktkrise sind auch politische Korrekturen und Reformen notwendig. Zentral ist aber, dass die Regeln, die es gibt und die die Politik setzt, auch eingehalten werden. Deshalb werden wir die Aufsicht über die Banken in Deutschland bei der Deutschen Bundesbank zusammenführen, damit die Bankenaufsicht anders als in der Vergangenheit schlagkräftig wird.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Das zeigt die Handschrift der Liberalen. Wir haben gestern das Wachstumsbeschleunigungsgesetz auf den Weg gebracht, weil wir einen Neustart in Deutschland brauchen. Zum 1. Januar 2010 werden wir damit beginnen, vor allem Familien und die Mittelschicht in diesem Land zu entlasten. Wir wollen und wir werden das Wachstum beschleunigen; denn nur Wachstum wird dafür sorgen, dass wir den Weg aus der Krise finden, Arbeitsplätze erhalten und neue schaffen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Deshalb wollen wir die Unternehmen zuverlässig entlasten und den Bürgerinnen und Bürgern dauerhaft mehr Netto vom Brutto lassen. Deshalb werden wir noch in dieser Legislaturperiode zu einem einfacheren und gerechteren Steuersystem kommen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Sören Bartol (SPD): Herr Seehofer sagt das Gegenteil

Wir werden den Stufentarif einführen. Unser Ziel ist, die Steuern auf kleine und mittlere Einkommen zu senken, die Mittelschicht zu stärken und dafür zu sorgen, dass sich in diesem Land für Menschen, die bereit sind, die Ärmel hochzukrempeln, Leistung endlich wieder lohnt.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Leistung soll sich lohnen

Wir werden im Rahmen dieser Strukturreformen für Vereinfachung sorgen, weil wir wollen, dass die Bürgerinnen und Bürger wieder verstehen können, was der Staat von ihnen will. Wir wollen, dass der Staat mit dem Bürger fair umgeht. Das werden wir mit dem Wachstumsbeschleunigungsgesetz umsetzen. Wir werden die Unternehmensteuerreform korrigieren und Wachstumshemmnisse beseitigen. Ich sage an dieser Stelle ganz deutlich: In den vergangenen Monaten standen in der öffentlichen Aufmerksamkeit, wenn es um Arbeitsplätze ging, immer einzelne große Unternehmen. Die öffentliche Wahrnehmung hat sich darauf konzentriert. Wir wollen, dass in unserer Politik der Fokus auf die vielen kleinen und mittleren Betriebe gelegt wird, die den größten Teil der Arbeits- und Ausbildungsplätze in Deutschland schaffen und erhalten.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): So wie RWE und Eon

Deutschlandweit stehen jährlich 80000 Betriebe zur Übergabe an. Die meisten von ihnen sind mittelständische Familienunternehmen. Diese Unternehmen haben große Probleme, die Nachfolge zu regeln. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die potenziellen Nachfolger wissen, wie schwierig es ist, am Markt zu bestehen, und dass man regelmäßig mit seiner und mit der Existenz seiner Familie für ein solches Familienunternehmen einsteht. Deswegen wollen wir, dass diejenigen, die dieses Risiko tragen und die damit Chancen auf Arbeit und auch auf Ausbildung schaffen, endlich wieder fair behandelt werden. Deshalb werden wir auch die nötigen Korrekturen an den Regelungen zur Erbschaftsteuer vornehmen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Ich sage an dieser Stelle noch eines: Wir werden eine weitere Korrektur im Bereich der Erbschaftsteuer durchführen, indem wir die Steuerbelastung für Geschwister und Geschwisterkinder bei der Erbschaft- und Schenkungsteuer durch einen neuen Steuertarif verringern. Wir korrigieren hier einen großen Fehler der alten Regierung, weil Geschwister damals fast wie Fremde behandelt worden sind. Das passt nicht in unser Familienbild, und deshalb werden wir das ändern.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Wir kümmern uns auch um die, die unverschuldet in Not geraten sind. Wir werden eine weitere soziale Schieflage in unserem Land beseitigen, indem wir das Schonvermögen bei Hartz-IV-Empfängern von 250 Euroauf 750 Euro pro Lebensjahr erhöhen. Darüber hinaus werden wir die selbstgenutzte Immobilie vor dem Zugriff des Staates schützen, weil diejenigen, die das getan haben, was wir ihnen immer gesagt haben, nämlich zu sparen und für das Alter vorzusorgen, nicht alleingelassen werden dürfen, wenn sie unverschuldet in Not geraten. Deshalb werden wir diese Schieflage beseitigen und die falsche Politik der SPD korrigieren.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Wir haben auch hinsichtlich der Haushaltslage klare Regeln in unserem Koalitionsvertrag.

  • [Zuruf] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Ja, mehr Schulden

Wir machen deutlich, dass Steuerentlastung und Haushaltskonsolidierung Hand in Hand gehen müssen. In den Ländern, in denen CDU und FDP gemeinsam regieren, sehen Sie, dass wir dort in der Vergangenheit schon Kurs gehalten haben. Jetzt komme ich zu dem, was Sie zum Thema Verschuldung gesagt haben, Herr Steinmeier. Entschuldigung, aber wer hat denn in diesem Land die Schulden gemacht?

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Der Bund hat in den letzten Jahren eine Neuverschuldung zu verantworten. In wirtschaftlich guten Zeiten hätten Sie hier eine Nettonullverschuldung erreichen können. Herr Steinmeier, der größte Schuldenmacher der Nation heißt Steinbrück. Das müssen Sie schon mit sich ausmachen und nicht auf uns schieben.

  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Dr. Dagmar Enkelmann (DIE LINKE): Da hat Ihr Koalitionspartner aber gar nicht geklatscht

Diese neue Koalition aus Union und FDP will einen neuen Aufbruch für Deutschland. Dazu gehört auch der Bürokratieabbau. Der Bürokratieabbau ist ein Wachstumsprogramm zum Nulltarif. Deshalb wollen wir mit dem Bürokratieabbau Wachstumsbremsen und Investitionsbremsen lösen. Erstmals bekennt sich eine Koalition dazu, die bundesrechtlichen Informationspflichten um netto 25 Prozent zu reduzieren, und zwar bis 2011 im Vergleich zu 2006. Für die Zeit über 2011 hinaus werden wir ein weiteres anspruchsvolles Reduktionsziel formulieren. Wir haben immer wieder deutlich gemacht, dass Bürokratiekosten nicht nur hinsichtlich der Informationspflichten entstehen. Wir werden dafür sorgen, dass zukünftig Bürokratiekosten nicht mehr nur an den Informationspflichten festgemacht werden, sondern dass man weit über diesen Begriff hinausgeht und versucht, in Deutschland Bürokratie insgesamt zurückzufahren und für die Bürgerinnen und Bürger und für die Unternehmen mehr Freiräume zu schaffen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Das bedeutet, dass wir strukturelle Änderungen vornehmen werden, beispielsweise dadurch, dass wir Genehmigungsverfahren verkürzen und beschleunigen sowie Anzeigeverfahren Vorrang vor den Genehmigungsverfahren einräumen werden. Aber wir werden auch ganz konkrete Maßnahmen beschließen, die im Koalitionsvertrag bereits aufgeführt sind. Wir werden vor allen Dingen eines machen: Wir werden den Normenkontrollrat stärken und seine Kompetenzen ausbauen. Wenn wir einen Aufbruch für Deutschland wollen, dann müssen wir die Chance, die bestehenden Wachstumsbremsen zu lösen, nutzen. Das tun wir, indem wir dem Bürokratieabbau endlich den nötigen Rang einräumen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Wir werden dafür einstehen, dass die Menschen nicht länger bevormundet werden, sondern dass sie die Freiheit haben, zu wählen und selbst zu entscheiden. Das gilt für alle Bereiche. Ich sage ganz deutlich: Die Bürgerinnen und Bürger haben eine Entscheidung getroffen und sich gegen die ideologischen Scheuklappen linker Parteien und für eine Politik mit Augenmaß und Vernunft ausgesprochen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Diesem Wunsch werden wir auch in der Energiepolitik nachkommen. Wir werden im nächsten Jahr ein neues Energiekonzept für Deutschland vorlegen. Dabei werden wir den Ausbau der erneuerbaren Energien und die Erhöhung der Energieeffizienz in den Mittelpunkt stellen.

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Sie blockieren die erneuerbaren Energien doch

Wir werden auch darauf achten, dass Energiepolitik künftig ideologiefrei, technologieoffen und marktorientiert gestaltet wird.

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Blablabla

Ich glaube, dafür haben wir hier die besten Voraussetzungen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Wir sagen ganz klar: Wir können in diesem Energiemix nicht auf fossile Energieträger verzichten. Deshalb wollen wir, dass der Investitionsstau im Bereich des Kraftwerksbaus endlich aufgelöst wird. Wir wollen lieber mit modernen Kohlekraftwerken für geringere Emissionen sorgen, als die alten weiterlaufen zu lassen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

In der Frage der Kernenergie werden wir uns ganz klar an der Sicherheit der Kernkraftwerke orientieren.

  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Deshalb wird jetzt die Laufzeit für Biblis verlängert

Wir haben immer gesagt: Wenn ein Kernkraftwerk den hohen deutschen Sicherheitsbedingungen entspricht, dann muss man es betreiben dürfen. Wenn es ihnen nicht entspricht, muss es sofort abgeschaltet werden. Das wird die Leitlinie sein. Wir sind bereit, hier eine ideologiefreie Politik zu machen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Wir haben allerdings im Koalitionsvertrag genauso deutlich gemacht, dass wir am Vorrang der erneuerbaren Energien bei der Netzeinspeisung festhalten und dass wir über das, was es bisher gibt, hinausgehen. Wir wollen, dass hier im Rahmen der Energieforschung endlich mehr investiert wird. Das ist das klare Ziel unserer Koalition. Wir wissen, dass wir erneuerbare Energien, die nicht dauerhaft zur Verfügung stehen, wie Wind und Sonne, grundlastfähig machen müssen. Wenn wir sie grundlastfähig machen wollen, dann brauchen wir Speichertechnologien. Deswegen werden wir hier Impulse setzen. Wir werden hier entsprechend investieren. Wir werden hier mit einem Forschungsprogramm neue zukunftsträchtige Technologien auf den Weg bringen. Das ist unser Ziel. Wir wollen das Zeitalter der erneuerbaren Energien erreichen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Jürgen Trittin (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Da müssen Sie selber lachen

Daran schließt sich unser Verständnis von Klimaschutz an. Wir sehen im Klimaschutz einen Wettbewerbsmotor für neue Technologien. Es ist unser Ziel, die Erderwärmung auf maximal 2 Grad zu begrenzen und Deutschlands Vorreiterrolle beim Klimaschutz beizubehalten. Wir werden deshalb Erlöse aus dem Emissionshandel für nationale und internationale Klimaschutzprojekte einsetzen. Wir werden in Kopenhagen für ein weltweites anspruchsvolles Klimaschutzabkommen streiten. Das ist Politik für die Zukunft dieses Landes.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Besonders deutlich wird der Aufbruch, den diese Koalition erreichen möchte, auch in der Gesundheitspolitik. Nach der Politik der vergangenen Jahre, die immer mehr auf Staatsmedizin und Zentralisierung gesetzt hat, wollen die Bürgerinnen und Bürger ein neues Gesundheitssystem.

  • [Zuruf] SPD: Das wollen sie überhaupt nicht

Auch dafür ist diese Koalition gewählt worden.

  • [Beifall] FDP

Wir wollen, dass das neue Gesundheitssystem zukunftsfest, bezahlbar und an den Bedürfnissen der Patienten ausgerichtet ist. Das haben wir im Koalitionsvertrag so beschlossen, und das werden wir auch umsetzen. Es wird auch in Zukunft so sein, dass unabhängig von Einkommen, Alter, sozialer Herkunft und gesundheitlichem Risiko die medizinische Versorgung qualitativ hochwertig und wohnortnah sichergestellt wird, damit alle am medizinischen Fortschritt teilhaben können. Wenn Sie das erreichen wollen, dann brauchen Sie einen klaren Kompass, und dann ist auch die Freiberuflichkeit der Ärzte notwendig. Es ist gut, dass sich diese Koalition dazu bekennt.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Deshalb ist es unerlässlich, Lösungen dafür zu finden, wie die Kosten des medizinischen Fortschritts und der demografischen Situation solidarisch aufgefangen werden können. Wir wollen ein Gesundheitssystem, das demografiefest und damit noch ein Stück solidarischer als bisher ist. Es geht hierbei auch um die Solidarität zwischen den Generationen. Das ist eine große Herausforderung. Aber wir nehmen diese Herausforderung an.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Elke Ferner (SPD): Sie sind dieser Herausforderung gar nicht gewachsen

Dasselbe gilt auch für die Pflege. Das Umlageverfahren garantiert die Pflegeversicherung nicht auf Dauer. Deshalb wollen wir sie durch einige Elemente der Kapitaldeckung ergänzen. Um es klarer auszudrücken: durch Ansparmaßnahmen. Wir wollen das System der Pflegeversicherung dadurch zukunftsfest machen, dass es auf hohe Qualität setzt, dass es weniger Bürokratie in dem System gibt und wir durch weniger Bürokratie in der Pflege wieder mehr Zeit für Zuwendung gegenüber den Menschen haben.

  • [Beifall] Wolfgang Zöller (CDU/CSU)

Wie sozial eine Gesellschaft ist, zeigt sich auch daran, wie wir mit älteren und pflegebedürftigen Menschen umgehen.

  • [Zuruf] Elke Ferner (SPD): Ja Ganz genau, Frau Homburger

Genau deshalb werden wir das System so reformieren, dass es diesen Ansprüchen gerecht wird.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Die Förderung von Familien ist uns ein Herzensanliegen. Deshalb werden wir im Wachstumsbeschleunigungsgesetz die Freibeträge für jedes Kind erhöhen, und wir werden vor allen Dingen auch das Kindergeld erhöhen. Das ist ein erster Schritt. Ich bin davon überzeugt, dass im Laufe dieser Legislaturperiode ein weiterer Schritt folgen wird. Damit wollen wir die wirtschaftliche und soziale Leistungsfähigkeit von Familien mit Kindern stärken. Das sind Maßnahmen, die diese Gesellschaft braucht. Es sind Maßnahmen, die Solidarität zeigen und vor allen Dingen den Familien mehr Chancen geben.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Wir wollen Bildung als Bürgerrecht. Auch das ist für uns ein zentraler Punkt in dieser Legislaturperiode. Wir wissen, dass sich im Zeitalter der globalen Wissensgesellschaft die Bildung längst zur eigentlichen sozialen Frage für den Menschen entwickelt hat. Deshalb legen wir einen Schwerpunkt auf die Bildungspolitik. Wir haben entschieden, dass wir mit der Förderung am Beginn des Bildungsweges ansetzen wollen. Denn wir wissen, dass das Beherrschen der deutschen Sprache die Grundlage für den späteren Bildungserfolg ist. Deshalb haben wir uns darauf verständigt, bundesweit vergleichbare Sprachstandstests für alle Kinder im Alter von vier Jahren zu unterstützen und bei Bedarf eine verpflichtende, gezielte Sprachförderung anzuschließen. Diese Maßnahmen führen dazu, dass Kinder in jungen Jahren Chancen bekommen, die sie vielleicht von zu Hause nicht mitbekommen. Wir unterstützen das, weil Bildung der Schlüssel zum sozialen Aufstieg ist, und den wollen wir in diesem Land allen Menschen ermöglichen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Ohne Sicherheit ist Freiheit wenig wert. Umgekehrt darf Sicherheit nicht zulasten von Freiheit entstehen. Ich glaube, gerade die Diskussion der letzten Tage zeigt, dass eine Gesellschaft nicht freier ist, je intensiver ihre Bürger überwacht, kontrolliert oder beobachtet werden. Freiheit und Sicherheit müssen sorgsam ausbalanciert werden. Das gelingt nur durch eine Innenpolitik, die auf Verhältnismäßigkeit setzt. Diese Balance haben wir im Koalitionsvertrag festgeschrieben. Wir haben vereinbart, dass nun viele Maßnahmen, die teilweise in der rotgrünen Regierungszeit beschlossen wurden, korrigiert werden, auch wenn es mühsam ist. Wir werden die Internetzensurmaßnahmen aussetzen. Wir wissen, dass das Internet ein freiheitliches, effizientes Informations- und Kommunikationsforum ist und maßgeblich zur Entwicklung einer globalen Gemeinschaft beiträgt. Deswegen sehen wir hier nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen. Das muss endlich auch in eine moderne Politik umgesetzt werden.

  • [Beifall] FDP

Wir werden im Bereich der Bürgerrechte deutliche Zeichen setzen. Wir werden die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die Verfassungsmäßigkeit der Vorratsdatenspeicherung abwarten und bis dahin die Vorratsdatenspeicherung aussetzen. Wir haben bei der Onlinedurchsuchung Einschränkungen beschlossen und auch den Schutz des Kernbereichs privater Lebensgestaltung verbessert. Der Einsatz der Bundeswehr im Innern ist kein Thema mehr. Ich sage ganz klar: Wir werden auch beim Datenschutz Fortschritte machen und dem Bundesdatenschutzgesetz ein eigenes Kapitel zum Arbeitnehmerdatenschutz hinzufügen. Als Fazit bleibt festzuhalten: Diese Koalition hat Respekt vor den Rechten der Bürger innen und Bürger und erkennt die Grenzen staatlichen Handelns und des öffentlichen Sicherheitsinteresses. Wir wollen eine neue Balance zwischen Freiheit und Sicherheit. Das werden wir gemeinsam umsetzen.

  • [Beifall] FDP

Wachstum, Bildung und Zusammenhalt sind die Handlungsmaximen dieser Koalition des Aufbruchs für Deutschland. Die Koalition wird in den nächsten vier Jahren einen neuen Start gestalten. In den letzten Tagen war viel von Mut und Freiheit die Rede. Mehr Mut und mehr Freiheit sind das, was Deutschland jetzt braucht. Wir stehen für mehr Freiheit zur Verantwortung. Wir haben den Mut und die Entschlossenheit, das gemeinsam umzusetzen. Wir werden das schaffen. Vielen Dank.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Für die Fraktion Die Linke hat nun Kollege Oskar Lafontaine das Wort.

  • [Beifall] DIE LINKE

Herr Präsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Aufgabe einer Regierungserklärung zu Beginn einer Legislaturperiode ist, die wichtigsten Probleme zu benennen und Lösungsvorschläge zu unterbreiten, wie diese Probleme bewältigt werden können.

  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Das ist gelungen

Nach unserer Auffassung ist dies nicht gelungen. Vielmehr hat die Bundeskanzlerin in ihrer Regierungserklärung wesentliche Aufgaben nicht erkannt, geschweige denn Lösungsvorschläge gemacht, wie diese Aufgaben zu bewältigen sind.

  • [Beifall] DIE LINKE

Ich beginne mit der ersten Aufgabe, die sie benannt hat. Sie sagte, die erste Aufgabe sei, die Folgen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise zu überwinden. Wer könnte dem widersprechen? Aber ganz entscheidend ist, dass sie die wesentliche Aufgabe außer Acht gelassen hat. Das entwertet völlig ihre Regierungserklärung. Wir müssen nicht zuerst die Folgen ins Auge fassen, sondern die Ursachen der internationalen Finanzkrise erkennen und endlich die Weltfinanzmärkte regulieren.

  • [Beifall] DIE LINKE

Es entwertet diese Regierungserklärung völlig, dass dazu keinerlei Vorschläge gemacht worden sind. Frau Bundeskanzlerin, Sie haben die wichtigste Aufgabe unserer Zeit überhaupt nicht erkannt, geschweige denn Lösungsvorschläge dazu gemacht.

  • [Beifall] DIE LINKE

Es ist schön, wenn wir jetzt ab und zu hören, dass eine Börsenumsatzsteuer auf einmal populär ist. Wir erinnern uns noch gut daran, dass oft von billigem Populismus die Rede war, als wir eine solche Steuer gefordert haben. Es ist ganz schön, dass auch Sie sich nach vielen anderen Staatsmännern zu einer Transaktionsteuer bekennen. Als wir das hier vorgetragen haben, hieß es, das sei unpraktikabel und billiger Populismus. Es ist wunderbar für mich, zu erleben, wer alles sich jetzt zum Keynesianismus bekennt und ihn täglich herunterbetet, nachdem er jahrzehntelang verurteilt worden ist. Jawohl, es ist wahr: Der Keynesianismus rettet zurzeit die Weltwirtschaft mit expansiver Finanzpolitik und expansiver Geldpolitik. Es ist schön, dass Sie das erkannt haben.

  • [Beifall] DIE LINKE

Aber nun haben Sie keinerlei Vorschläge gemacht, wie die Weltfinanzkrise zu bewältigen ist, wie die Ursachen zu bekämpfen sind. Ich will einige Vorschläge von unserer Seite machen. Erstens. Wir brauchen eine neue internationale Leitwährung, die den Dollar ablöst und die geeignet ist, die Währungsspekulationen und das Schwanken der Währungen in der Zukunft mehr oder weniger auszuschließen, zumindest zu mindern.

  • [Beifall] DIE LINKE

Zweitens. Wir brauchen eine Regulierung des internationalen Kapitalverkehrs. Es kann nicht sein, dass weiterhin auf Knopfdruck Milliarden um den Erdball kursieren und die Weltwirtschaft auf eine Art und Weise zerstören, wie wir es in den letzten Jahren erlebt haben.

  • [Beifall] DIE LINKE

Drittens. Wir brauchen ein Austrocknen der Steueroasen. Es ist einfach nicht zu fassen, dass an dieser Stelle überhaupt nichts unternommen wird. Vielmehr sieht man tatenlos zu, dass auch mit Milliarden Steuergeldern unterstützte Banken weiterhin Steuerhinterziehung in Steueroasen betreiben. Unglaublich. Diese Regierung ist unfähig, diese Kernaufgaben unserer Zeit überhaupt anzugehen.

  • [Beifall] DIE LINKE

Viertens. Wir brauchen ein Verbot von Hedgefonds. Fünftens. Wir brauchen ein Verbot der Schrottpapiere. Solange das nicht der Fall ist, so lange wird die Spekulation weitergehen, so lange wird es Verwerfungen in der Volkswirtschaft geben.

  • [Beifall] DIE LINKE

Sechstens. Es muss die billige Ausrede aufhören, man könne das nur international bewältigen. Zu dieser billigen Ausrede haben sich alle Staatsmänner in den letzten Jahren verstanden. Wir haben hier vor einiger Zeit, im Oktober 2008, eine Antwort der Bundesregierung auf die Frage nach den Deregulierungsmaßnahmen der letzten Jahre erhalten. Es waren 50 Deregulierungsmaß-nahmen. Sie sind alle aufgelistet. Wenn Sie mindestens 30 bis 40 davon zurücknähmen, dann würden Sie hier in Deutschland dafür Sorge tragen, dass die Finanzspekulation endlich wieder durch Investitionen in die Realwirtschaft abgelöst wird. Das ist die dringende Aufgabe unserer Zeit.

  • [Beifall] DIE LINKE

Siebentens. Es ist auch endlich geboten, dass Sie nicht Diskussionsverweigerung betreiben und den Kopf immer wieder in den Sand stecken. Hier wird der EU-Vertrag ständig gelobt, gelobt, gelobt, aber ein entscheidender Artikel des EU-Vertrags wird verschwiegen, wird nicht zur Kenntnis genommen und wird in seiner Tragweite überhaupt nicht begriffen. Ich lese es Ihnen, Frau Bundeskanzlerin, vor. In Art. 56 heißt es: "Im Rahmen der Bestimmungen dieses Kapitels sind alle Beschränkungen des Kapitalverkehrs zwischen den Mitgliedstaaten sowie zwischen den Mitgliedstaaten und dritten Ländern verboten." Mit anderen Worten: Der EU-Vertrag untersagt eine vernünftige Regulierung der Weltfinanzmärkte. Er ist damit absolut unzeitgemäß.

  • [Beifall] DIE LINKE

Entscheidend ist aber, dass es den Regierungen dieser Welt nicht gelingt, die Regulierung der Finanzmärkte nach vorne zu bringen. Es ist schon so – ich zitiere ihn noch einmal –, dass Tietmeyer ein Seher war. Er sagte einmal: Sie alle unterliegen jetzt der Kontrolle der internationalen Finanzmärkte. – Daran hat sich nichts geändert. Die internationalen Finanzmärkte und die Finanzindustrie bestimmen die Politik, und nicht Sie.

  • [Beifall] DIE LINKE

Sie sind im Grunde genommen, wenn man so will, nur dazu da, irgendwelche Allgemeinplätze abzusondern. Die Presse weltweit schreibt: Die Banken machen weiter wie bisher. – Das ist ein großer Skandal. Die nächste Blase wird vorbereitet.

  • [Beifall] DIE LINKE

Die zweite Aufgabe, die Sie angesprochen haben, hat mich jetzt doch fasziniert. Sie sagten: Wir müssen das Verhältnis der Bürger innen und Bürger zu ihrem Staat verbessern. Donnerwetter, ich hätte mir nicht vorstellen können, dass Sie zu dieser Einsicht kommen. Wir haben eine ganz andere Sichtweise. Wir glauben, wir müssen das Verhältnis der Bundeskanzlerin und der sie tragenden Parteien zu den Bürgerinnen und Bürgern dieses Staates verbessern. Das ist eine ganz andere Herangehensweise.

  • [Beifall] DIE LINKE

Sie müssen, achtens, endlich einmal die Lebensbedingungen der Menschen in diesem Lande zur Kenntnis nehmen und dann Vorschläge unterbreiten, wie diese Lebensbedingungen verbessert werden können. Das ist Ihre Aufgabe, anstatt zu sagen, wir müssten das Verhältnis der Bürger innen und Bürger zum Staat verbessern. Nein, Sie müssen endlich Ihr Verhältnis zu den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes verbessern und zur Kenntnis nehmen, was eigentlich ist.

  • [Beifall] DIE LINKE

Dann hätten Sie beispielsweise gesehen, dass die Hauptbetroffenen der verfehlten Politik der letzten Jahre die Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter waren. Kein Wort zu diesem Skandal. Wir als Partei Die Linke bleiben dabei, dass die Leiharbeit verboten oder zumindest weitgehend reduziert werden muss.

  • [Beifall] DIE LINKE

Wenn man sich schon nicht zu dieser Lösung versteht, dann sollte man sich an Frankreich ein Beispiel nehmen, wo es einen Risikoaufschlag für Leiharbeiter gibt. Die erhalten sogar mehr als ihre Kollegen. Oder man sollte zumindest die englische Lösung nehmen, dass nach sechs Wochen die Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter gleichbezahlt werden müssen. Sie sehen nicht, was im Volke los ist. Sie reden allgemein über die Köpfe der Menschen hinweg.

  • [Beifall] DIE LINKE

Wir müssen die befristeten Arbeitsverhältnisse reduzieren. Hier sieht man, dass das, was diese Koalition vorhat, wie die Faust aufs Auge passt: Sie haben überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, was passiert. Wer jetzt noch sagt, wir müssen die befristeten Arbeitsverhältnisse ausweiten, der hat nicht mehr alle Tassen im Schrank.

  • [Beifall] DIE LINKE

Die deregulierten Arbeitsmärkte sind die Hauptursache für die Zerstörung der Familien in unserem Lande. Ich sage noch einmal an die selbsternannte Familienpartei CDU: Sie sind verantwortlich für die Zerstörung der Familien in unserem Land; denn junge Leute, die nicht wissen, ob sie in ein paar Monaten noch Geld auf dem Konto haben, können weder eine Familie gründen noch Kinder in die Welt setzen. So einfach ist der Zusammenhang. Sie wollen die befristeten Arbeitsverhältnisse auch noch ausweiten und reden dann von der Pflege der Familien.

  • [Beifall] DIE LINKE

Wir brauchen endlich den gesetzlichen Mindestlohn. Obwohl in diesem Lande formal viele Jahre lang eine Mehrheit dafür war – das sage ich auch an SPD und Grüne hier im Parlament gerichtet –, ist es wirklich bedauerlich, dass wir es nicht zustande gebracht haben, den gesetzlichen Mindestlohn zu beschließen. Es ist eine Schande für eine der reichsten Volkswirtschaften der Welt, dass immer mehr Menschen acht Stunden am Tag arbeiten, ohne sich oder ihre Familie ernähren zu können.

  • [Beifall] Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
  • [Beifall] DIE LINKE

Neuntens. Wir müssen endlich die Hartz-IV-Sätze für Kinder erhöhen. Das wäre die wichtigste Aufgabe. Es kann in unserem Land doch nicht die Aufgabe sein, das Kindergeld für Besserverdienende zu erhöhen. Wo sind wir eigentlich? Wenn man ein soziales Gesicht haben möchte, dann muss man dort anfangen, wo die Not am größten ist.

  • [Beifall] DIE LINKE

Zehntens. Wir müssen der immer weiteren Ausbreitung des Niedriglohnsektors entgegenwirken. Es ist doch eine Schande – wir konnten es heute lesen –: Ende der 1990 er-Jahre hatten die Niedriglöhner 64 Prozentdes durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommens; heute sind es nur noch 53 Prozent. Die Niedriglöhner haben also fast nur noch die Hälfte des durchschnittlichen Arbeitnehmereinkommens, und Sie, Frau Bundeskanzlerin, stellen sich noch nicht einmal dieser Frage. Ich möchte nur sagen: Die Ursache ist das Lohndumping, ausgelöst durch eine Formel für die Zumutbarkeit von Arbeit. Diese Formel besagt: Du musst jede Arbeit annehmen, sei sie noch so schlecht bezahlt und sei sie noch so weit unter deiner Qualifikation. Diese Zumutbarkeitsregel muss weg. Zu Deutsch: Hartz IV muss weg. Wir als Partei Die Linke hier im Deutschen Bundestag bleiben dabei.

  • [Beifall] DIE LINKE

Wir glauben, dass es jetzt – das ist eine Aufgabe, die ich ansprechen möchte, weil Sie sie nicht angesprochen haben – Aufgabe ist, die Wirtschaft endlich zu demokratisieren. Was die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in letzter Zeit erlebt haben, war nicht Freiheit, sondern existenzielle Bedrohung und ein Ausmaß an Fremdbestimmung, wie es das in dieser Form in Deutschland noch nicht gegeben hat. Wir schlagen daher vor, elftens, endlich die Steuerfreiheit von Veräußerungsgewinnen zurückzunehmen; denn wir haben den unhaltbaren Zustand, dass kleine Betriebe in zehn Jahren fünfmal den Anteilseigner wechseln. Von nachhaltiger Wirtschaft kann in diesem Lande überhaupt nicht mehr die Rede sein.

  • [Beifall] DIE LINKE

Zwölftens. Wir schlagen vor, die Erbschaftsteuer nicht für Millionengeschenke an reiche Erbende zu missbrauchen, sondern sie zu verwenden, um Belegschaftsanteile aufzubauen. Man sollte den Betrieben, die Erbschaftsteuer zahlen müssen, diese Steuer dann erlassen, wenn sie die entsprechenden Mittel in Belegschaftsanteile umwandeln. Das wäre eine Reform, das wäre ein Neuansatz, der endlich einmal dazu führen würde, dass Belegschaften an ihren Betrieben beteiligt werden können.

  • [Beifall] DIE LINKE

Dreizehntens. Wir bleiben dabei, dass staatliche Zuschüsse nicht mehr dazu dienen können, den Vermögensaufbau einzelner Privater zu finanzieren. Wir sind der Auffassung: Staatliche Zuschüsse müssen entweder in Staatsanteile oder in Belegschaftsanteile umgewandelt werden, gerade jetzt.

  • [Beifall] DIE LINKE

Außerdem sind wir der Auffassung, dass wir jetzt darangehen müssen, die Enteignung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu stoppen. Ich sage hier ganz bewusst: Das ist eine Kernaufgabe der nächsten Jahre. Wir müssen die Bilanzierungsvorschriften so ändern, dass der Zuwachs des Betriebsvermögens ab einer bestimmten Betriebsgröße – etwa ab 100 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern – zur Hälfte den Belegschaften und ihren Belegschaftsgesellschaften gutgeschrieben wird. Es darf nicht so weitergehen – ich sage das, weil ich hier gerade die FDP im Blick habe –, dass immer nur Einzelne vom ständigen Zuwachs des Betriebsvermögens profitieren. Die FDP der 1970 er-Jahre sah darin eine erhebliche Freiheitsgefährdung. Sie hat recht: Der Zuwachs des Betriebsvermögens und die schlechte Verteilung führen dazu, dass Einzelne in der Gesellschaft immer mehr abgehängt werden, dass der Niedriglohnsektor immer weiter ausgebaut wird. Genau das gefährdet die Freiheit, und insofern war diese Sichtweise richtig.

  • [Beifall] DIE LINKE

Als dritte Aufgabe haben Sie genannt: Wir müssen Antworten auf die Veränderungen im Altersaufbau finden. Ja, natürlich, das ist richtig. Wir sagen aber, dass die Aufgabe eine ganz andere ist: Wir müssen, vierzehntens, die sozialen Sicherungssysteme wiederherstellen und helfen, Altersarmut zu vermeiden. Was Sie hier zustande gebracht haben, nämlich die Zerstörung der gesetzlichen Rente, war einer der größten Fehler der deutschen Politik in den letzten Jahren.

  • [Beifall] Uwe Kekeritz (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
  • [Beifall] DIE LINKE

Fünfzehntens. Wenn man in Zeiten wie dieser darangeht, die Kapitaldeckung in der Pflegeversicherung auszubauen, dann hat man nichts von der internationalen Finanzkrise verstanden. Wirklich nichts. Es ist doch so, dass die weltweite Umstellung auf Kapitaldeckung dazu geführt hat, dass die Pensionsfonds in großem Umfang spekuliert haben. Das Ende vom Lied ist nun, dass viele ältere Menschen in vielen Ländern ihre Altersvorsorge verloren haben. Wollen wir das auf die Pflegeversicherung ausweiten? Man fasst es nicht, wenn man sieht, in welchem Umfang diese Regierung die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat.

  • [Beifall] DIE LINKE

Ich sage hier in aller Klarheit: Die Erfahrungen der letzten 20 Jahre zeigen deutlich, dass die gesetzlichen Sicherungssysteme die verlässlichsten sind. Worum geht es, wenn man die Existenzsorgen der Menschen, die geringe Einkommen haben, aufgreifen und Lösungsvorschläge anbieten will? Da geht es um den Ausbau und die Stärkung der gesetzlichen Sicherungssysteme und niemals um den Aufbau kapitalgedeckter Systeme.

  • [Beifall] DIE LINKE

Im Übrigen ist es ökonomisch völliger Unsinn, wenn man in Zeiten, in denen die Binnennachfrage schwach ist und die Reallöhne sinken, die Arbeitnehmer auch noch zwingt, zu sparen. Das ist so kontraproduktiv, dass man wirklich die Frage aufwerfen muss, ob überhaupt die Inhalte, die man im ersten Semester eines Volkswirtschaftsstudiums lernt, den Personen auf der Regierungsbank präsent sind. Als vierte Zukunftsaufgabe haben Sie genannt: Wir wollen einen zukunftsfesten Umgang mit den weltweit vorhandenen natürlichen Ressourcen entwickeln. Dazu sagen wir als Partei Die Linke: Wenn man das wirklich will, dann darf man, sechzehntens, die Restlaufzeiten von Atomkraftwerken nicht verlängern. Das ist doch das Gegenteil von dem, was dann erforderlich wäre.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Wer die Vision einer atomwaffenfreien Welt hat, meine Damen und Herren, aber gleichzeitig die Restlaufzeiten von Atomkraftwerken verlängern will, der versteht entweder die Technologie nicht oder weiß nicht, was er will. Wer eine atomwaffenfreie Welt will, muss, siebzehntens, auch dafür sorgen, dass die Stromversorgung in Zukunft ohne Atomkraftwerke sichergestellt wird. Denn genau diese sind Voraussetzung dafür, um den Stoff herzustellen, den man zum Bau der Bombe braucht. Natürlich müssen wir erneuerbare Energien stärken. Aber noch wichtiger ist – das ist der achtzehnte Programmpunkt, den ich hier vortragen möchte – eine Rekommunalisierung der Energieversorgung. Es war ein großer Fehler, Monopole zuzulassen, die nun in schamloser Weise abzocken. Wir brauchen eine Rekommunalisierung der Energieversorgung und eine staatliche Kontrolle der Energiepreise, um diese Abzocke endlich zu beenden.

  • [Beifall] DIE LINKE

Als letzte Aufgabe haben Sie genannt: Sie wollen das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit weiter festigen. Dazu gibt es eine ganz entscheidende Voraussetzung, die ich hier benennen will. Die entscheidende Voraussetzung ist, dass die deutsche Außenpolitik im Sinne Kants – ich nenne ihn einmal bewusst – wieder zum Völkerrecht zurückkehrt, weil das Völkerrecht die Grundlage von Freiheit und Sicherheit für alle Völker dieser Erde ist.

  • [Beifall] DIE LINKE

In Ihrer Regierungserklärung gab es eine ganz verräterische Formulierung: Ziemlich am Anfang steht, die Frage der Zukunft sei, wer sich den Zugriff – ich betone das Wort „Zugriff“ – auf Rohstoffe und Energiequellen sichere. Es geht nicht um den „Zugriff“ auf Rohstoffe und Energiequellen, es geht um die friedliche Nutzung. Angesichts der Kriege der letzten Jahre sagen wir: Wir halten es für völlig falsch, wenn sich die Bundesrepublik Deutschland in imperiale Kriege zur Sicherung von Rohstoffquellen einspannen lässt. Das war der Fehler der Außenpolitik der letzten Jahre. Sie reden davon, sie seien eine christlichliberale Koalition der Mitte oder was auch immer. Wenn man das Wort „Christentum“ in den Mund nimmt, dann sollte man begriffen haben, Frau Bundeskanzlerin – das ist nicht zum Lachen –, dass man alle Anstrengungen unternehmen muss, um endlich die Waffenexporte zurückzuführen. Diese sind doch die Grundlage für vieles Elend in der Welt. Warum verstehen Sie das nicht?

  • [Beifall] DIE LINKE

Meine letzte Bemerkung bezieht sich auf Afghanistan. Wir sind jetzt viele Jahre dort im Krieg; das haben wir immer so gesehen. Ich habe immer wieder gesagt, dass ich durchaus unterstellt habe, dass es die eine oder den anderen gab, die der Auffassung waren, dass man mit diesen Militäreinsätzen Gutes bewirken könne. Aber nach so vielen Jahren muss man doch bereit sein, wie es zum Beispiel in den Vereinigten Staaten im Falle des Irak oder jetzt in Bezug auf Afghanistan in mehreren Staaten der Welt bereits geschehen ist, zu erkennen, dass dieser Weg falsch war. Wir können diesen Krieg nicht gewinnen. Man kann die Stammesgesellschaft Afghanistans nicht zwingen, eine westliche Demokratie aufzubauen. Sie kämpfen dort gegen eine Kultur, und diesen Kampf können Sie nicht gewinnen. Begreifen Sie das doch endlich!

  • [Beifall] DIE LINKE

Deshalb sagen wir: Es ist wirklich ein schwerer Fauxpas, dass der neue Bundesverteidigungsminister – ich sehe ihn im Moment nicht auf der Regierungsbank – gesagt hat, das Unglück von Kunduz, wie ich es nenne, sei „angemessen“ gewesen. Ich sage hier für meine Fraktion: Eine Militäraktion, bei der unschuldige Zivilisten ums Leben kommen, ist niemals angemessen. Wir sollten eine solche Sprache aus diesem Parlament verbannen.

  • [Beifall] DIE LINKE

Wir sagen Ihnen: Ziehen Sie die Truppen aus Afghanistan zurück! Es wäre an der Zeit; Sie sollten nicht warten, bis die Diskussion in Amerika so weit ist, dass man den Afghanistankrieg beenden will. Sie haben in Ihrer Regierungserklärung die wichtigen Aufgaben unserer Zeit verfehlt. Diese Regierung ist eine falsche Regierung zur falschen Zeit.

  • [Anhaltender Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Für die Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN hat nun Kollege Jürgen Trittin das Wort.

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Verehrte Bundeskanzlerin! Manchem Anfang wohnt ja ein Zauber inne.

  • [Zuruf] Otto Fricke (FDP): Manche entdecken ihn, manche nicht

Aber für Sie als Bundeskanzlerin ist das hier eben kein Anfang, sondern der zweite Aufguss, und so war auch Ihre Regierungserklärung.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Schwarz-Gelb fängt nicht neu an, sondern versucht, wenn ich Frau Homburgers Ausführungen richtig verstanden habe, eigentlich eher, bei dem wieder anzuknüpfen, wofür 1998 Helmut Kohl abgewählt worden ist.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Aber dafür, dass Sie hier nur als Revival-Band angetreten sind, war dieser Anfang doch reichlich holprig. Sie haben dem Wort „Fehlstart“, wie ich finde, eine völlig neue Interpretation gegeben. Wann hatten wir jemals eine Regierung, die schon vor Abgabe der Regierungserklärung durch die Kanzlerin eine Kabinettsklausur ansetzen musste, um sich darüber zu verständigen, was sie in ihrem Koalitionsvertrag vor gerade einmal zehn Tagen aufgeschrieben hatte?

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Nun ist es nicht verwunderlich, dass Sie damit Probleme haben. Denn dieser Koalitionsvertrag behauptet zwar, Mut zur Zukunft zu unterstreichen; aber wenn man ihn durchblättert und liest, stellt man fest: In allen Bereichen finden sich Hinweise auf neue Kommissionen, und er enthält über 84 Prüfaufträge. „Mut zum Prüfauftrag“, das hätten Sie über Ihren Koalitionsvertrag schreiben sollen.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Da muss man sich nicht wundern, wenn ein Streit in den eigenen Reihen ausbricht. Aber diesen Streit haben Sie, Frau Merkel, mit Ihrer Regierungserklärung zu überspielen versucht. Das dreisteste Stück darin fand ich Ihre Passage zu Opel, in der Sie uns diesen Vorgang als Erfolg zu verkaufen versucht haben. Ihnen muss es doch in den Ohren geklungen haben, als Sie vom Capitol Hill herunterkamen und aus der Presse erfahren haben, wie gewichtig diese Kanzlerin von den Amerikanern eingeschätzt wird, nämlich: Man muss auf Ihre Meinung nichts geben. Daher konnte sich ein staatseigener Betrieb wie GM mit Blick auf den Verkauf von Opel anders entscheiden, ohne Sie vorher zu fragen. Sie sind ein politisches Leichtgewicht. Das wurde durch die Entscheidung von GM bewiesen.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Lachen] CDU/CSU
  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Das ist ja kasperhaft, was Sie da aufführen

– Herr Kauder, das mit dem Kasper nehme ich gerne entgegen. Ich habe schon verstanden. Sie müssen eines berücksichtigen: Wir werden Ihnen nicht durchgehen lassen, im Wahlkampf und auch hier das eine oder andere versprochen zu haben, dann aber das Gegenteil zu machen. Wenn man sich anschaut, was Sie im Wahlkampf mit Blick auf drei Bereiche versprochen haben, dann muss man feststellen, dass diese Koalition schlicht und ergreifend mit dreifachem Wortbruch beginnt. Erstens. Sie haben den Menschen in diesem Lande erklärt, es gebe künftig mehr Netto vom Brutto.

  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Genau

Das stimmt für einen bestimmten Personenkreis, nämlich für den, der über sehr hohe Einkommen verfügt. Was ist aber mit denjenigen, die zum Beispiel als Normalverdiener künftig eine Kopfpauschale für die Pflegeversicherung zahlen müssen? Was ist mit denjenigen, die als Normalverdiener künftig eine Kopfpauschale für die Krankenversicherung zahlen müssen? Was ist mit all denjenigen Bürgerinnen und Bürgern, die, weil Sie an der Mehrwertsteuer ohne Ende herumschrauben, künftig höhere Müllgebühren und höhere Abwassergebühren zahlen müssen? All diese werden weniger Netto vom Brutto haben. Das ist die Wahrheit, und das ist der Wortbruch, den Sie begangen haben.

  • [Beifall] Oskar Lafontaine (DIE LINKE)
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Sie haben sich hier in wechselnden Formulierungen mal zur Mitte, mal zur bürgerlichen Mitte und mal zur christlichen Mitte bekannt. Ich sage Ihnen: Diese Politik trifft das bürgerliche Lager der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sie trifft das durchaus bürgerliche Lager der Geringverdiener. Sie trifft das bürgerliche Lager der Mehrheit der Bevölkerung. Sie sind in diesem Sinne nicht bürgerlich. Sie haben schlicht und ergreifend nur die Interessen der – um ein sehr altertümliches Wort zu gebrauchen – Bourgeoisie, aber nicht der Bürger in diesem Lande im Kopf.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] CDU/CSU: Oh
  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Jetzt kommt der maoistische Klassenkämpfer

Zweitens. Ich habe noch in den Ohren, wie Sie, Frau Merkel, erklärt haben, es gebe mit Ihnen keine Steuersenkungen auf Pump. Das war Ihre Wahlaussage. Heute erklären Sie hier: Dieses Wahlversprechen vergessen wir; wir setzen voll auf Pump. – Sie legen einen Haushalt vor, in dem Sie bis 2013 mindestens 24 Milliarden Euro einsparen wollen, und das bei einer Neuverschuldung im gleichen Zeitraum von 455 Milliarden Euro. Das ist völlig verantwortungslos. Die Rechnung haben die Kommunen und die Kreise in unserem Lande zu zahlen. Allein aufgrund Ihres heutigen Maßnahmepakets fehlen den Kreisen und den Kommunen 3, 6 Milliarden Euro.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Es ist nicht nur verantwortungslos, sondern auch völlig wirkungslos. Denn Steuersenkungen in dieser Form haben noch nie zu Wachstum geführt – außer auf den Konten der Besserverdienenden. Gesamtwirtschaftliches, realwirtschaftliches Wachstum ist damit noch nie angestoßen worden.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Drittens. Der Höhepunkt ist das Gesetz, das Sie hier vorgestellt haben, das Wachstumsbeschleunigungsgesetz. Da legen Sie uns zur Wachstumsbeschleunigung die Maßnahme vor, dass künftig die Erbschaftsteuer für Geschwister gesenkt werden soll. Nun kann man darüber so oder so denken. Aber, liebe Frau Homburger, können Sie mir einmal erklären, was das mit Wachstum zu tun haben soll? Schneller sterben für mehr Wachstum, oder was soll das sein, was Sie uns an dieser Stelle hier vorlegen? Das kann doch nur jemand aus Ihrem Gewerbe an dieser Stelle denken.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Widerspruch] CDU/CSU
  • [Widerspruch] FDP

Sie erledigen mit diesem Gesetz auch gleich ein weiteres Versprechen, das die Kanzlerin an dieser Stelle in der Regierungserklärung heute wiederholt hat. Sie plädieren – ich zitiere – für ein einfacheres, für ein gerechteres Steuersystem.

  • [Zuruf] FDP: Und niedriger

– Und ein niedrigeres Steuersystem. – Das haben Sie proklamiert. Was legen Sie uns vor? Sie legen uns einen Gesetzentwurf vor, mit dem der Ausnahmetatbestand, was den ermäßigten Mehrwertsteuersatz betrifft, auf das Hotelund Gaststättengewerbe ausgeweitet werden soll. Dies gilt dort aber nicht für jeden Bereich, sondern nur für Übernachtungen. Davon ausgenommen sind das Hotelfrühstück und der Besuch der Sauna im Hotel. Das ist kein einfacheres Steuerrecht, das ist ein komplizierteres Steuerrecht. Das ist nicht einfach, niedrig und gerecht, sondern kompliziert, bürokratisch und ungerecht. Das ist Ihre Politik.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Herr Westerwelle hat im Wahlkampf versucht, den Eindruck zu erwecken, dass die FDP nicht mehr die Partei der Besserverdienenden sei. Man habe jetzt auch ein soziales Herz entdeckt; und so zog die Wärme in die liberalen Stuben ein.

  • [Heiterkeit] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Zuruf] Otto Fricke (FDP): Unsere Wärme kommt von Herzen

Schauen wir uns einmal an, was Sie uns vorlegen. Sie schlagen die Erhöhung des Schonvermögens von Hartz-IV-Beziehern vor.

  • [Beifall] FDP

Das heißt, Sie korrigieren den Unsinn, den Ministerpräsidenten aus CDU- und FDP-geführten Ländern im Bundesrat durchgesetzt haben.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Dass Sie das tun, ist richtig. Ich lobe Sie dafür. Jetzt machen Sie sich aber einmal klar, wie weit diese neue soziale Wärme reicht. Sie betrifft 11000 von 5, 5 Millionen Anträgen auf Bezug von Arbeitslosengeld II.

  • [Zuruf] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Donnerwetter
  • [Zuruf] Otto Fricke (FDP): Uns sind diese 11000 nicht egal

Sie betrifft 0, 2 Prozent der Bedürftigen in diesem Lande. 99, 8 Prozent der Armen gehen bei Ihrer Politik schlicht und ergreifend leer aus, ihr Regelsatz wird nicht erhöht. So viel zur sozialen Wärme Ihrer Koalition.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Ein zweites Symbol Ihrerseits ist: mehr Geld für Kinder. Man kann das einfach durchrechnen: Der Steuerfreibetrag für Kinder führt in Haushalten, die den Spitzensteuersatz zu zahlen haben, zu einer Entlastung von 443 Euro pro Kind und Jahr. Für Normalverdiener, die Kindergeld bekommen, sind es 240 Euro mehr. Für 1, 8 Millionen Kinder im Wedding, in Köln-Mülheim, in den ostdeutschen Ländern usw. bedeutet diese Maßnahme: Sie bekommen gar nichts. Dazu sage ich Ihnen: Reiche Kinder mit 443 Euro und Mittelstandskinder mit 240 Euro zu belohnen und die ärmsten Kinder leer ausgehen zu lassen, das ist weder eine Politik der Mitte noch eine Politik, die sich christlich nennen kann. Das ist soziale Kälte, das ist gemein und kaltherzig. Das ist Ihre Koalition.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] Hellmut Königshaus (FDP): Wer hat denn Hartz IVeingeführt?

Damit man diese Klientelpolitik für Besserverdienende durchsetzen kann, für all das hat die FDP alle anderen Inhalte geopfert: Die Abschaffung der Wehrpflicht findet nicht statt. Die Abschaffung der Onlinedurchsuchung findet nicht statt. Die Abschaffung des Entwicklungshilfeministeriums – dies ist eine falsche Forderung– findet nicht statt. Dirk Niebel ist jetzt sein eigener Abwicklungsminister.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] Volker Beck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Idealbesetzung

Der Vizekanzler hat auf der Pressekonferenz zur Vorstellung des Koalitionsvertrages gesagt, die Entscheidung für Dirk Niebel sei gut. Jetzt werde zumindest keine Nebenaußenpolitik gemacht. Auch das ist schon widerlegt worden. Herr Niebel hat in der Bild-Zeitungdas Ende der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit China verkündet. Man kann in der Sache über diese Frage streiten. Aber dass man einem der wichtigsten Partner im G- 20 -Prozess, einem Land, auf das man angewiesen sein wird, wenn man in Kopenhagen einen Verhandlungserfolg erreichen will, den Abbruch der wirtschaftlichen Zusammenarbeit nicht mal kurz per Bild-Zeitung verkündet, sollte auch einem außenpolitischen Anfänger klar sein.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Bravo

Die vierte Herausforderung ist ein sparsamer und nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen. Dafür müssen Sie keine Laufzeiten verlängern. Aber dafür dürfen Sie auch kein neues Fenster für die Nutzung von Kohle öffnen. Wenn Sie die bestehende Überlast aus Atomstrom und Kohlestrom, die schon heute dazu führt, dass wir Windparks abschalten müssen, in unseren Stromnetzen erhöhen, dann sorgen Sie nicht für mehr erneuerbare Energien, sondern dann bremsen und blockieren Sie den Ausbau der erneuerbaren Energien. Deswegen ist das, was Sie in diesem Lande energiepolitisch vorhaben, ein Anschlag auf den Klimaschutz und auf einen verantwortlichen Umgang mit Ressourcen.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Nein, meine Damen und Herren, Sie sind den Herausforderungen nicht gerecht geworden. Kluge Wirtschaftspolitik heißt in diesen Zeiten, dafür zu sorgen, dass in Klima, Bildung und Gerechtigkeit investiert wird. Diese Herausforderung haben Sie nicht gemeistert. Stattdessen entlasten Sie die Industrie überall dort, wo sie eigentlich zu Effizienz und Ressourceneinsparung gebracht werden soll. Genau dieser Stimulus fällt in Ihrer Koalitionsvereinbarung völlig unter den Tisch. Deswegen sage ich Ihnen: Sie sind da nicht glaubwürdig. Sie sind auch nicht glaubwürdig beim Subventionsabbau. Nicht eine einzige umweltschädliche Subvention schaffen Sie ab; das Volumen beträgt in diesem Lande 42 Milliarden Euro. Stattdessen diskutieren Sie über die Einführung neuer Subventionen. Schöne staatsferne Liberale sind Sie, liebe Kollegin Homburger!

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Meine Damen und Herren, wir brauchen nicht leere Wachstumsversprechen, wir brauchen Investitionen in Klima, Bildung und Gerechtigkeit. Aber wir werden dies nicht mit einer Regierung schaffen, die für sich selber nur ein Rezept hat, nämlich auf die veralteten wirtschaftspolitischen Rezepte der 90 er-Jahre zu setzen. In Ihrer Koalitionsvereinbarung ist kein roter Faden zu erkennen, sieht man von den roten Zahlen neuer Schulden ab. Das müssen wir hier unter dem Strich feststellen. Sie haben es geschafft – dafür haben Sie mein Kompliment, liebe Frau Merkel –, im Schlafwagen an die Macht zu kommen.

  • [Zuruf] CDU/CSU: Oh
  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Zitat Westerwelle

– Jetzt darf man nicht einmal mehr Komplimente machen; das verstehe ich gar nicht. – Nun sind Sie im Zug angekommen. Sie haben den Zug gekapert und geben sich zu erkennen: Ihre Lok fährt mit Kohle- und Atomstrom, die hinteren Waggons werden abgekoppelt, in der zweiten Klasse fällt die Heizung aus, im Bistrowaggon steigen die Preise, aber dafür werden in der ersten Klasse Gratiscocktails serviert. Das ist Schwarz-Gelb auf einen Satz gebracht.

  • [Lebhafter Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD