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Offene Plenarprotokolle

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175. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages( - )

Die Sitzung ist eröffnet. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich begrüße Sie alle herzlich. Ich wünsche uns einen guten Morgen und gute Beratungen. Wir setzen heute die Haushaltsberatungen – Tagesordnungspunkte 1 a und b – fort: a)Erste Beratung des von der Bundesregierung eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes über die Feststellung des Bundeshaushaltsplans für das Haushaltsjahr 2009 (Haushaltsgesetz 2009) – Drucksache 16 / 9900 – Überweisungsvorschlag: Haushaltsausschuss b)Beratung der Unterrichtung durch die Bundesregierung Finanzplan des Bundes 2008 bis 2012 – Drucksache 16 / 9901 – Überweisungsvorschlag: Haushaltsausschuss Wir haben gestern für die heutige Aussprache eine Redezeit von insgesamt acht Stunden beschlossen. Wir beginnen die heutigen Haushaltsberatungen mit dem Geschäftsbereich des Bundeskanzleramtes, Einzelplan 04. Das Wort erhält als Erster der Kollege Rainer Brüderle für die FDP-Fraktion.

  • [Beifall] FDP

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Die Sommerpause ist in jeder Hinsicht vorbei. Die Temperaturen sinken. Der Konjunkturhimmel hat sich mehr als bewölkt. Professor Walter von der Deutschen Bank spricht davon, eine Rezession sei nicht mehr vermeidbar. Ich gehe nicht ganz so weit. Aber der Abschwung hat die Wirtschaft erfasst. Selbst der Finanzminister hat das gestern eingeräumt. Es genügt daher nicht, im Ausland Bella Figura zu machen. Vielmehr muss in der Innenpolitik entschieden gehandelt werden. Dies geschieht nicht. Die drei Koalitionsparteien befassen sich mit sich selbst. Sie starren voller Angst auf ein Kanzlerphantom. Eigentlich regiert schon Oskar Lafontaine dieses Land.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Widerspruch] SPD

Er gibt den politischen Takt vor. Die historische Schuld an dieser Entwicklung trägt diese wankelmütige Regierung, der eine Orientierung fehlt.

  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] SPD: Wann kommt denn euer Kanzlerkandidat mit den 18 Prozent?

Deutschland ist immer gut gefahren, wenn nicht die Ränder, die Extreme die Politik bestimmt haben, sondern die Mitte. Wir stehen für eine Politik der Mitte in Deutschland.

  • [Beifall] FDP

Frau Bundeskanzlerin, Sie haben versprochen, Deutschland zu reformieren. Sie wollten es für den Welthandel öffnen, das Arbeitsrecht weiter reformieren, die Tarifautonomie zur Flexibilisierung nutzen, die Lohnnebenkosten dauerhaft unter 40 Prozent senken und den Haushalt konsolidieren. Tatsächlich haben Sie bei jedem Haushalt die Ausgaben erhöht. Was ist geblieben? Sie können doch mit Reformieren nicht allen Ernstes Steuererhöhungen, Mindestlöhne und Zwangsgesundheitsfonds gemeint haben. Das ist keine Reform für Deutschland.

  • [Beifall] FDP

Ich kann dazu nur sagen: versprochen, gebrochen. Welche auch immer Ihre Lieblingskoalition für 2009 sein mag, mit der FDP kann es keine Fortsetzung dieser falschen Politik geben.

  • [Beifall] FDP

Herr Müntefering und Herr Steinmeier, Sie machen uns nette Avancen. Aber das ist für mich ein durchsichtiges Manöver zur Ablenkung von Ihrem Linkskurs. In Hessen wollen Sie mit Frau Ypsilanti Rot-Rot-Grün durchsetzen. Sie träumen von der „Ampel“. Ich kann Ihnen nur sagen: Wenn Deutschland links fährt, wird es zum Geisterfahrer. Das kann nicht gut gehen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] FDP

Der weise ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, von Herrn Steinbrück gestern oft zitiert, hat in diesen Tagen wieder bemerkenswerte Vorschläge zur Reform der Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik gemacht. Herr Steinmeier, mit einer Helmut-Schmidt-SPD können sich die Liberalen wahrscheinlich auf gemeinsame Ziele verständigen. Aber die heutige SPD ist nicht regierungsfähig.

  • [Beifall] FDP

Wir lassen uns auch nicht für taktische Spielchen in Anspruch nehmen. Sie wollen weiterregieren, obwohl Sie längst einen Dauerwahlkampf eingeleitet haben. Statt kraftvollen Regierens Dauerwahlkampf – das ist das Letzte, was Deutschland gebrauchen kann. Neuwahl wäre die sauberste Lösung, aber dazu geben Sie den Weg nicht frei.

  • [Beifall] FDP

Ich habe den Verdacht, Frau Merkel und Herr Steinmeier, dass Sie am liebsten Ihre Kuschelkoalition fortführen würden.

  • [Zuruf] Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE): Das ist wahr

Die Auswirkungen der Finanzmärkte, die Rückkehr der Inflation, steigende Energiepreise – alles dies müsste die Regierung zum Handeln veranlassen. Wir marschieren auf eine Versorgungslücke im Energiesektor zu. Es gibt kein nationales Energiekonzept; nichts geschieht in diesem Sektor. Alle Kernkraftwerke zu schließen, neue und effiziente Kohlekraftwerke zu verhindern, beim Gas einseitig auf Russland zu setzen und zu meinen, mit ein paar Windrädern über die Runden zu kommen – das ist kein Energiekonzept für Deutschland.

  • [Beifall] FDP

Das Kerndilemma dieser Regierung ist, dass sie eine Reihe relativ guter Jahre, in denen Gewaltiges in der Wirtschaft geleistet wurde, in denen die Arbeitnehmer Neustrukturierungen möglich gemacht haben und in denen sich der Mittelstand neu aufgestellt hat, ungenutzt hat verstreichen lassen. Die gute Stimmung und die relativ gute wirtschaftliche Situation, die es gab, hätten Sie nutzen müssen, um Deutschland fit zu machen für das, was bevorsteht. Man weiß schon aus der Bibel, dass nach sieben fetten Jahren sieben magere Jahre kommen. Sie haben die Zeit verstreichen lassen. Das ist die Tragik der schwarz-roten Politik.

  • [Beifall] FDP

Statt für ein weltoffenes Deutschland einzutreten, schrecken Sie ausländische Investoren und hochqualifizierte Arbeitnehmer ab. Das Trauerspiel dieser Koalition hat seinen Höhepunkt erreicht. Die SPD irrt orientierungslos umher, und die Union hat inhaltliche Fragen nicht geklärt. Sie sind hin- und hergerissen zwischen Wettbewerb und Staatseingriff, zwischen Belastung der Bürger und deren Entlastung. Herr Kauder hat inzwischen gemerkt, dass der Aufschwung bei den Bürgern nicht angekommen ist. Die Früchte des Aufschwungs hat der Staat kassiert; das ist Ihre Politik. Bei den Bürgern ist nichts geblieben.

  • [Beifall] FDP

Der CSU steht vor der Bayernwahl das Wasser inzwischen bis zum Trachtenhut.

  • [Heiterkeit] SPD
  • [Heiterkeit] FDP

Erst macht sie von den größten Steuererhöhungen bis hin zu dem Quatsch mit der Kilometerpauschale alles mit, und jetzt bekämpft sie es. Politisch nennt man das scheinheilig. Ein Neurologe würde sagen, dass Sie schizophren sind.

  • [Beifall] Thomas Oppermann (SPD)
  • [Beifall] Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE)
  • [Beifall] FDP

Wenn Sie wollen, können Sie schnell handeln. Das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz gibt Ihnen die Möglichkeit, sogar ohne das Parlament Steuern schnell zu senken. Sie können Steuerschecks, die in Amerika sehr wohl gewirkt haben, in Betracht ziehen. Aber Sie lassen es treiben. Sie starren auf Lafontaine und wollen weiter in Ihren Sesseln sitzen. Sie vergeuden die Zeit, und Deutschland leidet. Das ist eine traurige Situation.

  • [Beifall] FDP

Das Wort hat nun die Bundeskanzlerin Frau Dr. Merkel.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Herr Präsident! Meine Damen und Herren! In diesen Tagen, während wir hier im Parlament unsere Haushaltsdebatte führen, verfolgen wir natürlich alle die Nachrichten vom amerikanischen Finanzmarkt. Es hat massive Stützungsmaßnahmen und Hilfsmaßnahmen der amerikanischen Regierung gegeben, gerade wieder in dieser Nacht in Bezug auf ein Versicherungsunternehmen. Es hat Übernahmen im Privatsektor gegeben und den Konkurs einer bedeutenden amerikanischen Investmentbank. Die Börsen und natürlich auch der DAX haben mit erheblichen Kursschwankungen und Kurskorrekturen reagiert. Wichtige internationale Banken haben einen Stützungsfonds aufgelegt. Die Bundesregierung verfolgt diese Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit. Wir stehen in engem Austausch mit den Spitzen der deutschen Kreditwirtschaft ebenso wie mit anderen Regierungen. Als ein Ergebnis haben Bundesbank, Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht und das Bundesministerium der Finanzen schon am Montag erklären können, dass sich im Fall des Kreditinstituts Lehman Brothers das Engagement deutscher Kreditinstitute glücklicherweise in einem überschaubaren Rahmen hält. Aber wir spüren alle, dass die Dynamik der Weltwirtschaft beeinflusst wird. Wir können froh sein, dass in den letzten Jahren neben dem amerikanischen Kraftzentrum andere Kraftzentren in Asien, in Lateinamerika und im vereinten Europa erwachsen sind, sodass heute die internationale Konjunktur auf sehr viel breiteren Beinen steht, als das noch vor Jahrzehnten der Fall war. Deshalb sind die Auswirkungen auf die übrige Wirtschaft in Deutschland bislang moderat, und die Unternehmenskredite wurden in Deutschland im Gegensatz zur übrigen EU erneut deutlich ausgeweitet. Dennoch wird eine offene Volkswirtschaft wie die deutsche, die von der Globalisierung im Übrigen mehr als andere profitiert, nicht völlig unberührt bleiben können. Wir spüren das auch an den Prognosen, die uns jeden Tag erreichen. In einer solchen Situation werden die Rufe nach Konsequenzen natürlich wieder lauter. Ich will deshalb noch einmal auf die zwei grundsätzlichen Möglichkeiten hinweisen, die wir haben, um auf eine solche Situation zu reagieren. Die eine wäre, sich so weit wie möglich von internationalen Einflüssen abzuschotten; die andere ist: Wir begreifen die internationale Verflechtung als Wesenszug des 21. Jahrhunderts. Dann allerdings muss Politik einen klugen Ordnungsrahmen schaffen, der die Chancen nutzt und der die Risiken begrenzt. Das heißt: Politik muss gestalten.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Die Bundesregierung hat sich entschieden, und zwar von Beginn dieser Koalition an: Deutschland wird ein offenes Land bleiben, ein Land, das sich der Welt zuwendet, ein Land, das seine Chancen nutzt. Die Bundesregierung wird von diesem Kurs auch in der jetzigen Situation nicht ablassen; ich finde, aus überragenden Gründen. Deutschland lebt im Wesentlichen von Auslandsinvestitionen. Es sind etwa 600 Milliarden Euro, die von ausländischen Unternehmen in Deutschland jährlich investiert werden. Das ist doppelt so viel, wie der Bundeshaushalt ausmacht. Deutschland lebt davon, dass 700 Milliarden Euro von deutschen Firmen im Ausland investiert wurden. Das sichert uns Wohlstand, Forschung, Innovation und neue Produkte. Aber eines zeigt die Entwicklung natürlich: Wir brauchen dringend einen besseren Ordnungsrahmen, und wir – wenn ich das sage, meine ich vor allen Dingen auch den Bundesfinanzminister – fühlen uns in dem bestätigt, was wir sehr früh begonnen haben. Wir haben nämlich bereits während unserer G- 8 -Präsidentschaft eine Transparenzinitiative begonnen, die damals noch belächelt und von vielen gleich wieder als Regulierung abgetan wurde. Wir haben im September 2007 mit dem französischen Präsidenten eine gemeinsame Erklärung abgegeben, der sich dann Großbritannien, Italien und die Kommission angeschlossen haben. Im April hat es endlich ein sehr bemerkenswertes Forum für Finanzmarktstabilität gegeben, auf dem eine Reihe von Vorschlägen gemacht wurden, die auf den Vorschlägen des G- 8 -Gipfels aufbauten. Man kann glücklicherweise jetzt schon sagen, dass einiges in Gang gekommen ist. Es sind nicht nur Ideen, sondern es gibt Bewegung bei Bewertungsverfahren, bei der Kooperation mit Aufsichtsbehörden und bei einem verbesserten Verhaltenskodex vor allen Dingen der Ratingagenturen. Es gibt zum ersten Mal auch Selbstverpflichtungen, zum Beispiel von Hedgefonds. Ich erinnere auch daran, dass sich Staatsfonds von 26 Ländern zusammengeschlossen haben. Ich sage ausdrücklich: Es ist richtig, dass jetzt im Parlament die Veränderung des Außenwirtschaftsgesetzes beraten wird. Wir können nicht tatenlos zusehen. Politik muss gestalten. Die Bürgerinnen und Bürger haben einen Anspruch darauf, dass wir die Dinge nicht laufen lassen, sondern dass wir Politik gestalten.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Die Bundesregierung legt Ihnen heute einen Haushalt zur Beratung vor, der seinesgleichen sucht.

  • [Lachen] DIE LINKE
  • [Lachen] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Lachen] FDP
  • [Beifall] CDU/CSU

– Ich kann Ihre Freude gut verstehen; denn die Bundesregierung schafft mit diesem Haushalt die Voraussetzungen zum Erreichen eines Kernziels, das wir fest im Blick haben, nämlich im Jahre 2011 zum ersten Mal nicht mehr auf Pump zu leben und keine neuen Schulden mehr zu machen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Ihr höhnisches Gelächter verdeckt doch bloß Ihr schlechtes Gewissen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Denken Sie einmal daran, wie Sie 2005 aus der Regierung herausgegangen sind: Über 30 Milliarden Euro Neuverschuldung, das war die Bilanz der Grünen. Ich würde heute hier ganz still sein.

  • [Beifall] CDU/CSU

Die FDP sollte sich daran erinnern, dass 1998 auch nicht alles vom Allerbesten war.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Ich finde, wir können ein Stück selbstbewusster in diese Debatte gehen.

  • [Zuruf] Dr. Guido Westerwelle (FDP): Unsere absolute Mehrheit war beeindruckend Wir haben Deutschland regiert, Grüne und FDP

– Ich habe von 1998 gesprochen und damit auch die Union einbezogen.

  • [Zuruf] Dr. h. c. Jürgen Koppelin (FDP): Aber nur die FDP erwähnt

Schauen Sie: Wir haben aus diesen Dingen gelernt. Wir haben heute Regierungsverantwortung, und wir machen es anders. Das ist der Punkt.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Zuruf] Volker Beck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Mehrwertsteuererhöhung Super

Ich möchte all denen, die daran mitwirken, meinen Kolleginnen und Kollegen im Kabinett und ganz besonders dem Bundesfinanzminister, ein herzliches Dankeschön sagen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD
  • Dr. Guido Westerwelle [FDP], an die SPD gewandt: Jetzt klatscht ihr

Genauso möchte ich den Koalitionsfraktionen quasi im Voraus im Hinblick auf die anstehenden Beratungen ein Dankeschön sagen, weil ich weiß, dass wir uns gemeinsam diesem Ziel verpflichtet fühlen.

  • [Zuruf] Dr. Peter Struck (SPD): Genau

Wir legen diesen Haushalt nicht vor, weil er ein Selbstzweck ist. Es ist nicht so, dass wir das Thema „ausgeglichener Haushalt“ sozusagen wie eine Monstranz vor uns hertragen, sondern wir tun dies deshalb, weil es darum geht, dass wir in den Zeiten der Globalisierung, die wir nun so sehr spüren, die Voraussetzungen dafür schaffen, dass das zentrale Versprechen der sozialen Marktwirtschaft, nicht auf Kosten der nächsten Generation zu leben, sondern jedem Einzelnen den Einstieg in Arbeit und den Aufstieg durch Arbeit zu ermöglichen, auch heute erfüllt werden kann.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Auf eine Formel gebracht, hieß dieses Versprechen der sozialen Marktwirtschaft zu Beginn der Bundesrepublik Deutschland: Wohlstand für alle. Heute gehen wir in Zeiten internationaler Verflechtungen, die wir mit dem Wort „Globalisierung“ beschreiben, noch einen Schritt weiter. „Wohlstand für alle“ heißt heute: Bildung für alle. Dabei geht es wie bei den soliden Finanzen nicht einfach um ein sektorales Politikfeld, das als Selbstzweck daherkommt. Das wäre ein grobes Missverständnis. Nein, meine Damen und Herren, es geht um viel mehr: Es geht um die Zukunft der Menschen in unserem Land; denn Bildung für alle ist die entscheidende Voraussetzung für Einstieg in Arbeit und Aufstieg durch Arbeit, und zwar für jeden, der in diesem Land lebt, egal aus welchem Elternhaus er kommt.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Ich bin zutiefst überzeugt: Es ist gerade dieses zentrale Aufstiegsversprechen, das die Menschen an die Kraft der sozialen Marktwirtschaft glauben lässt oder–wo sie es im Augenblick nicht tun – wieder glauben lässt. Es ist dieses zentrale Aufstiegsversprechen, das wir gemeinsam im Blick haben müssen, Bund, Länder, Kommunen. Es ist dieses zentrale Aufstiegsversprechen, das uns zu der Aufgabe führt, die Bildungsrepublik Deutschland zu gestalten. Einfach mehr Geld umzuverteilen, schafft nämlich Abhängigkeit vom Staat und zementiert die Menschen in ihrer Situation, die heute nicht das schaffen können, was sie wollen. Bildung für alle ermöglicht es dagegen allen, sich eigenen Wohlstand zu erarbeiten. Daraus folgt, in einem Satz gesagt: Die Bildungsrepublik ist der beste Sozialstaat.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Ich glaube, bei allem, was wir an Problemen haben, können wir sagen: Für dieses Ziel ist unser Land in den letzten drei Jahren stärker geworden. Wir haben 1, 6 Millionen neue Arbeitsplätze seit 2005. Das bedeutet die niedrigste Arbeitslosigkeit seit 1992.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Wir haben 100000 abgeschlossene Ausbildungsverträge mehr als zu unserem Amtsbeginn. Die Eigenkapitalquote der Betriebe ist wieder angestiegen, und damit werden Betriebe auch wieder ein Stück robuster. Dazu haben viele beigetragen, aber die Politik der Großen Koalition eben auch.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Wir haben die Neuverschuldung schrittweise gesenkt. Erstmals seit Ende der 80 er-Jahre ist der gesamtstaatliche Haushalt wieder ungefähr ausgeglichen. Wir haben die paritätisch finanzierten Lohnzusatzkosten deutlich unter 40 Prozent gesenkt. Wir werden dabei bleiben: Wir haben Freiräume für Menschen und Betriebe geschaffen. Wenn wir uns einmal die Staatsquote anschauen, erkennen wir: Sie ist auf dem niedrigsten Stand seit 18 Jahren. Die Bundesregierung hat diesen Kurs nicht nur deshalb eingeschlagen, weil es die Vernunft gebietet, sondern auch deshalb, weil ich der Meinung bin, dass dies eine zutiefst moralische Aufgabe ist. Das ist die Basis dafür, dass Vertrauen zwischen den Generationen wachsen kann und dass wir nicht auf Kosten der zukünftigen Generationen leben. Trotz schwächer werdenden Wachstums werden wir auch im kommenden Jahr diesen Kurs fortsetzen; dazu sind wir entschlossen. Das heißt, es sind zwei Seiten einer Medaille, auf der einen Seite den Konsolidierungskurs fortzusetzen und auf der anderen Seite die Arbeitslosenversicherungsbeiträge weiter zu senken, Familien stärker zu entlasten, Entwicklungs- und Forschungsausgaben genauso zu erhöhen wie die Mittel für die Verkehrsinfrastruktur oder die Investitionen in Kultur. Beides trägt dazu bei, dass wir für die Zukunft stärker gerüstet sind.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Wir sind überzeugt – ich glaube, in den letzten Jahren ist diese Überzeugung noch gewachsen –: Die Bedeutung von Politik nimmt in Zeiten der Globalisierung nicht etwa ab, sondern die Bedeutung von Politik nimmt zu und verlangt uns viel neues Denken ab.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD
  • [Beifall] Oskar Lafontaine (DIE LINKE)

Für mich ist das allerdings kein Bruch und kein Neustart, sondern es ist eine Weiterentwicklung; denn soziale Marktwirtschaft ist immer davon ausgegangen, dass Politik gestalten muss. Ich erinnere nur an die Kämpfe, die Ludwig Erhard hatte, als er das Kartellrecht durchsetzte – gegen den erbitterten Widerstand des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Aber hinzugekommen ist eine internationale Dimension des Erfolgsmodells Bundesrepublik Deutschland, der sozialen Marktwirtschaft. Soziale Marktwirtschaft hat immer gestaltend eingegriffen, aber jetzt geht es darum, dass wir die internationale Dimension ausarbeiten. Es geht um eine Grundfrage. Soziale Marktwirtschaft hat sich immer als ein Bündnis der Stärkeren mit den Schwächeren in der Gesellschaft verstanden. Wer versuchen will, die Schwächeren in der Gesellschaft zusammenzunehmen und gegen die Stärkeren in der Gesellschaft aufzuhetzen,

  • [Widerspruch] DIE LINKE

der wird in der internationalen Dimension der sozialen Marktwirtschaft scheitern. Es geht um das Bündnis der Stärkeren mit den Schwächeren.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD
  • [Beifall] FDP

Es geht also um ein glaubwürdiges Wohlstandsversprechen. Deshalb muss Deutschland den Weg zur Bildungsrepublik gehen. Was heißt das? Das heißt, dass wir uns die vielen guten Beispiele, die ich jetzt auf meiner Bildungsreise gesehen habe, einmal vor Augen führen sollten: Kindergärten – –

  • [Beifall] Dirk Niebel (FDP)
  • [Lachen] DIE LINKE

– Es hat eigentlich sowieso keinen Sinn, aber ich will es noch einmal ganz ruhig versuchen: Wir leben in einer Welt, in der viele Menschen darum ringen, ihren Platz zu finden, um in Wohlstand zu leben. Wir sind in einem Land, in dem vieles sehr gut gelungen ist und in dem Millionen von Menschen jeden Tag ihren Beitrag dazu leisten. Dazu gehören die Erzieherinnen in den Kindergärten,

  • [Zuruf] Frank Spieth (DIE LINKE): Trotz Großer Koalition Das stimmt

die eine gute Arbeit leisten, auch wenn vielleicht 70 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben. Dazu gehören die Lehrer. Dazu gehören die Forscher.

  • [Zuruf] Dirk Niebel (FDP): Dazu mussten Sie erst reisen?

Dazu gehören die vielen Ehrenamtlichen. Ich möchte diesen Menschen meine Anerkennung geben. Deshalb besuche ich sie, und ich glaube, das ist richtig, meine Damen und Herren.

  • [Beifall] Dr. Werner Hoyer (FDP)
  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Es geht um ein umfassendes Selbstverständnis unseres Landes. Dafür müssen wir drei Leitlinien einhalten, die sich genau auch in der Politik der Bundesregierung widerspiegeln: Nachhaltigkeit und Langfristigkeit als Erstes, Eigenverantwortung und Ermutigung als Zweites, Durchlässigkeit und ein festes Wertefundament als Drittes. Nachhaltigkeit und Langfristigkeit. Es geht nicht um Strohfeuer, sondern es geht um nachhaltigen Erfolg, nicht nur in der Bildungspolitik, sondern insgesamt. Deshalb wünsche ich mir zum Beispiel einen Erfolg bei der Haushaltskonsolidierung, nicht nur im Blick auf 2011. Es geht nämlich auch um eine Verpflichtung im Rahmen der Föderalismusreform II, nach der das ein Grundprinzip unseres zukünftigen Handelns wird. Es wird sich in den nächsten Wochen zeigen, ob wir die Kraft dazu aufbringen. Ich wünsche es mir, meine Damen und Herren.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Zu Nachhaltigkeit und Langfristigkeit gehören auch Investitionen in Familien. Das Elterngeld ist ebenso ein Erfolg wie die Vätermonate. Wir werden für 70000 Familienhaushalte den Kinderzuschlag einführen, der Kinder und Eltern aus dem Bezug von Arbeitslosengeld II entlässt. Wir werden die Betreuungsaufwendungen stärker steuerlich absetzbar machen; zum einen, um den Haushalt als Arbeitgeber zu entwickeln, zum anderen aber auch, um Betreuung zu Hause zu ermöglichen. Wir haben zwischen Bund und Ländern einen gemeinsamen Weg gefunden, die Betreuung der unter Dreijährigen auszubauen, und zwar nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ mit Blick auf die Weiterbildung von Erzieherinnen und Erziehern. Ich glaube, das sind wichtige Schritte. Vor uns liegen bessere Leistungen für Familien auf der Grundlage des Existenzminimumberichts. Hierüber werden wir in der Koalition noch Diskussionen führen, das hat sich gestern angedeutet. Ich persönlich halte 10 Euro für jedes Kind nicht für eine schlechte Sache, aber darüber werden wir uns auseinandersetzen müssen. Ich glaube auch, dass ein Kind denselben Anspruch auf einen Freibetrag hat wie ein Erwachsener. Insofern müssen wir noch ein wenig darum ringen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD
  • [Beifall] FDP

Niemand wird bestreiten, dass Familien im Zentrum der Politik der Großen Koalition stehen. Das ist eine richtige Schwerpunktsetzung. Nachhaltigkeit und Langfristigkeit bedeuten auch, in die Bildungspolitik an sich zu investieren. Aus den internationalen Vergleichen wissen wir, dass wir nicht überall Spitze sind. Ich bitte aber darum, diese Studien einmal genau zu lesen und nicht alles immer in Grund und Boden zu reden, sondern auch das Positive zu sehen.

  • [Beifall] CDU/CSU

Im Bereich der abgeschlossenen Berufsausbildung gibt es bei uns zum Beispiel hervorragende Leistungen. Auch in der Frage des Abiturs oder der Postgraduiertenförderung gibt es sehr gute Dinge, an die wir anknüpfen können. Wahr ist aber auch, dass andere aufholen. Deshalb sind wir gefragt. Deshalb ist es auch wichtig, dass Bund und Länder in diesem Jahr am 22. Oktober in Dresden einen Bildungsgipfel durchführen. Hierbei geht es ausdrücklich nicht um eine Kompetenzverschiebung. Vielmehr geht es bei diesem Bildungsgipfel um die Frage, wie wir in unserem Land Politik für die Menschen gestalten. Hier müssen wir den Blickwinkel der Menschen – der Eltern und der Kinder – einnehmen. Diejenigen, die mit Bildungspolitik konfrontiert werden, überlegen nicht ständig, ob der Bund, das Land oder die Kommune für sie verantwortlich ist. Sie wollen Politik aus einem Guss.

  • [Zuruf] Dr. Peter Struck (SPD): Genauso ist es

Deshalb müssen die verschiedenen politischen Ebenen in ihrer Verantwortlichkeit so zusammenarbeiten, dass für das einzelne Kind das Beste erreicht wird und dass Eltern ihre Kinder optimal fördern können.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

In diesem Zusammenhang müssen die Schulabbrecherquoten gesenkt werden. Es müssen Schulabschlüsse ermöglicht werden, und Hochschulen müssen sich zum Beispiel auch für Meister und ähnliche Qualifizierungen öffnen. Wir müssen Ausbildungsbausteine so gestalten, dass sie sich zu einem Ganzen zusammenfügen. Im Grunde geht es nicht um Strukturdebatten, sondern um die Frage des Erfolgs eines jeden Einzelnen mit seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten. In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, wie richtig die Entscheidung der Bundesregierung war, Integrationspolitik zu einer Querschnittsaufgabe zu machen. Wenn Sie sich den Bildungsbericht für Deutschland anschauen, dann sehen Sie, dass der Anteil der jungen Menschen unter 25 mit Migrationshintergrund in den Regionen mit industrieller Struktur – im Ruhrgebiet, im Bereich der Rhein-Main-Schiene, in Stuttgart, in München und in der Region um Nürnberg – zwischen 40 und 50 Prozent liegt. Die Zukunft unseres Landes hängt davon ab, ob auch diese jungen Leute, und zwar jeder Einzelne von ihnen, eine Chance auf einen Aufstieg in unserem Land haben. Ansonsten werden nicht nur diese jungen Leute leiden, sondern unser ganzes Land.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Wir haben in Forschung und Entwicklung investiert und streben dort einen Anteil von 3 Prozent am Bruttoinlandsprodukt an. Gegenwärtig sind wir bei 2, 8 Prozent angelangt, wir haben noch einen Weg vor uns. Das ist aber zu schaffen. Die Exzellenzinitiative hat sich bewährt. Wir haben die Freiräume der Unternehmen gestärkt. Wir haben die Wissenschaftsallianz, und wir haben viele neue Wege beschritten, bei denen Leistung ganz ausdrücklich prämiert wird. Das ist richtig. Natürlich hängt Nachhaltigkeit auch mit der Ressourcennutzung zusammen. Wir wissen, dass eines der drängendsten Probleme für die Menschen der Anstieg der Energiepreise und daraus folgend die Inflation ist. Wir stehen natürlich vor der Frage, was wir da tun sollen. Hier ist politische Gestaltung gefragt. Es ist sehr einfach, das Falsche zu tun, indem man sich auf den Standpunkt stellt, dass Energiepreise nicht nachhaltig steigen können. Genau das machen wir nicht. Der Bundesfinanzminister hat es gestern noch dargestellt. Wir eröffnen vielmehr Wege zum effizienteren Umgang mit Energie, um die Menschen in die Lage zu versetzen, weniger Energie zu verbrauchen und damit mit den steigenden Kosten klarzukommen. Ich glaube, die Förderung von Gebäudesanierung und viele andere Maßnahmen wie die Einführung von intelligenten Stromzählern über die Novellierung des KWK-Gesetzes bis hin zu unseren Klimapaketen, die ja hart umstritten sind, sind langfristig insgesamt die richtige nachhaltige Antwort auf die Energiepreisentwicklung in der Welt.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Wir werden jetzt auf der Ebene der Europäischen Union Verhandlungen über Europas Klimaschutzziele führen. Die Bundesregierung steht ausdrücklich zu diesen Zielen.

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Was?

– Ich wiederhole es gerne noch einmal: Die Bundesregierung steht ausdrücklich zu diesen Zielen.

  • [Zuruf] Volker Beck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Macht mal was Nicht stehen, sondern laufen

Im Gegensatz zu vielen anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union werden wir die Kioto-Verpflichtungen einhalten. Andere werden das nicht tun. Vielleicht könnten wir einmal gemeinsam diese kritisieren und nicht immer nur uns selber schlechtmachen.

  • [Zuruf] Volker Beck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Dann dürfen Sie aber nicht in Europa alles blockieren, was dabei helfen könnte

Deutschland ist aber auch das Land in Europa, das eines der breitesten industriellen Fundamente hat, und die wirtschaftliche Entwicklung Europas hängt auch von der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands ab.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Deshalb werden wir strittige Diskussionen darüber führen müssen – ich sage das hier ganz offen –, wie wir mit energieintensiven Branchen umgehen. Es ist für das Weltklima nichts gewonnen, wenn die Aluminium-, Stahl- oder Chemieindustrie bei uns verschwindet und mit schlechteren Standards außerhalb Europas ausgebaut wird. Das werden wir nicht zulassen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Dr. Guido Westerwelle (FDP): Zustimmung von der FDP

– Ich hoffe, auch den Klimaschutzzielen stimmt die FDP zu.

  • [Zuruf] Dr. Guido Westerwelle (FDP): Begeistert

Beides zusammenzubringen, macht nämlich gerade die Schwierigkeit des Themas aus, meine Damen und Herren. Das können nicht alle, das kann nur die Große Koalition.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD
  • [Lachen] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Lachen] FDP
  • [Zuruf] Dr. Guido Westerwelle (FDP): Wollen Sie die auf ewig fortsetzen?
  • Volker Beck [Köln] [BÜND

– Viel Heiterkeit heute Morgen hier. Zu den Zukunftsinvestitionen zählen natürlich auch Entwicklungshilfe und Einsatz für gutes Regieren. Zu Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit gehört natürlich auch die Stabilisierung unserer sozialen Sicherungssysteme. Die Rentenfinanzen befinden sich in einer weit besseren Lage als vor Jahren. Wir haben zusätzlich die Eigenheimrente verabschiedet – ein wichtiges Projekt. Bis heute wurden 11 Millionen Riester-Renten abgeschlossen, aber angesichts von 27 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern bleibt immer noch viel zu tun. Dennoch wurde in diesem Bereich ein gewaltiger Schritt nach vorn gemacht. Die Rente mit 67 war eine notwendige Maßnahme. Daran muss auch festgehalten werden, weil uns die demografische Entwicklung keine andere Möglichkeit lässt. Es zeigen sich nun die Erfolge, meine Damen und Herren: Die Arbeitslosigkeit bei den über 55 -Jährigen ist deutlich zurückgegangen – seit 2005 um circa ein Viertel. Das lässt sich sehen. Wir haben die Leistungen der Pflegeversicherung ausgeweitet.

  • [Zuruf] Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE)

– Wir haben für Demenzkranke die Pflegezeit eingeführt und sind weitere wichtige Schritte gegangen. – Wir haben außerdem in die Gesundheitsversorgung investiert. Ich will an dieser Stelle sehr deutlich sagen: Es wird in Zukunft mehr Wettbewerb und mehr Auswahlmöglichkeiten geben. Wir haben uns aber auch sehr bewusst entschieden, etwas für die Ärzte in Krankenhäusern, die niedergelassenen Ärzte und für das Pflegepersonal zu tun. Hier wird noch an den Feinheiten gearbeitet. Wer aber den Eindruck erweckt, hervorragende Gesundheitsversorgung sei sozusagen zum Nulltarif zu bekommen und Gehaltssteigerungen für die im medizinischen Bereich Beschäftigten seien möglich, ohne dass sich das in irgendeiner Weise in den Beiträgen niederschlägt, der trägt dazu bei, dass wir eines Tages nicht mehr genug Ärzte bei uns haben – diese sind dann in Norwegen oder sonst wo – und dass die Pflegekräfte ihre Arbeit nicht mehr schaffen. Deshalb sage ich: Es ist richtig, in ein gutes Gesundheitssystem zu investieren. Es ist vielleicht die komplizierteste Aufgabe eines modernen Industrielandes, das zugleich demografische Veränderungen zu bewältigen hat, für jeden eine gute Gesundheitsversorgung bereitzustellen. Wir fühlen uns aus tiefer Überzeugung bezüglich der Menschlichkeit unseres Landes diesem Ziel verpflichtet.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Die Bildungsrepublik gründet auf dem Willen – das ist die Voraussetzung –, dass der, der immer es kann, das eigene Leben in die Hand nimmt. Er soll natürlich, wenn er scheitert, eine zweite Chance, vielleicht auch eine dritte und vierte bekommen; aber es muss die innere Bereitschaft geben. Deshalb sind Eigenverantwortung und Ermutigung das zweite wichtige Leitmotiv unserer Arbeit. Das muss sich in der Arbeitsmarktpolitik widerspiegeln; „Fordern und Fördern“ ist deshalb unsere Maxime. Die Arbeitsvermittlung ist modernisiert worden und wird weiter modernisiert werden. Wer sich einmal mit der Arbeit der Bundesagentur befasst hat, der weiß, dass da unglaublich viel passiert ist. Was die Betreuung aus einer Hand angeht, müssen wir noch Regelungen treffen, um das Bundesverfassungsgerichtsurteil über die Argen umzusetzen. Das Prinzip der Eigenverantwortung gilt auch in dem Sinne, dass Tarifautonomie Vorrang hat. Wir werden die Gesetze, das Entsendegesetz und das Mindestarbeitsbedingungengesetz, beraten, aber immer in dem Geist, Tarifautonomie, wo möglich, zu stärken.

  • [Beifall] Bernhard Brinkmann (SPD)
  • [Beifall] Klaus Uwe Benneter (SPD)
  • [Beifall] CDU/CSU

Wir haben einen wichtigen Schritt gemacht, um die Mitarbeiterbeteiligung zu fördern. Das wird in der allgemeinen Diskussion oft unterschätzt. Aber schauen Sie sich einmal die Vermögenssituationen an: Angesichts dessen, wie sich auf der einen Seite Einkommen und Löhne und auf der anderen Seite Kapitalerträge entwickeln, kann ich nur sagen, dass es langfristig gesehen wichtig ist, dass wir jedem auch eine Beteiligung an den Kapitalerträgen ermöglichen. Ansonsten werden die Ungerechtigkeiten in unserem Land zunehmen. Hier sind wir einen wichtigen Schritt miteinander gegangen; ich glaube, das sollte man an dieser Stelle sagen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Wenn wir uns die Dinge anschauen, dann sehen wir auch, dass Arbeitsmarkt- und Vermögenspolitik natürlich die Chancen in der Globalisierung verbessert haben. Gestern ist eine Studie des DIW veröffentlicht worden, die mit aktuellen Zahlen arbeitet und aus der hervorgeht, dass zwischen 2005 und 2006 – nur über diesen Zeitraum geht die Studie – über 1 Million Menschen aus dem Armutsrisiko herausgekommen ist. Das zeigt doch nichts an der es, als dass Reformen sich vielleicht nicht sofort, aber über eine bestimmte Zeitspanne gesehen lohnen. Das ist doch das Ziel aller Veränderungen: mehr Menschen eine Chance zu geben und weniger Menschen in ein Risiko hineinfallen zu lassen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Wir brauchen als drittes Leitmotiv Durchlässigkeit und ein festes Wertefundament, eine Offenheit der Gesellschaft, einen Ansporn für die, die viel leisten können, die Eliten unseres Landes, damit wir dann auch miteinander Solidarität üben können. Wir brauchen ein Deutschland, das sich nicht abschottet, sondern seiner Verantwortung in der Welt gerecht wird. Deshalb wollen wir auf der einen Seite offen sein, was wir zum Beispiel dadurch zeigen, dass wir die Zuwanderung für Hochqualifizierte in unser Land geöffnet haben. Angesichts von immer noch 3 Millionen Arbeitslosen sind die Diskussion und die Entscheidung darüber, wer zu uns kommen darf und wer nicht, gar nicht einfach. Das ist eine qualitativ ganz andere Debatte, als wir sie in den Asylfragen miteinander geführt haben. Wir haben immer auf kulturelle Toleranz gesetzt, um diese Offenheit voranzutreiben. Ein Zeichen dafür ist, dass unser Kulturhaushalt, der Haushalt des Staatsministers für Kultur, in den letzten Jahren um 7, 8 Prozent gewachsen ist, genauso wie die auswärtige Kulturpolitik an Bedeutung gewonnen hat, zwei wichtige Bereiche, in denen wir unsere Offenheit zeigen. Wir sind auch stolz auf unsere Kultur, und wir wollen sie in der Welt bekannt machen. Das sind unsere Ansprüche.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Weil die Länder miteinander verflochten sind, ist es wichtig, in Bündnissen zu arbeiten. Ein solches Bündnis ist die Europäische Union. Da haben wir vieles vor uns, wenn wir daran denken, dass Irland mit Nein gestimmt hat; aber der Lissabon-Vertrag ist und bleibt die richtige Grundlage für die Politik in der Europäischen Union.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Wir haben in diesem Sommer erlebt, wie wichtig Europa ist und was Europa in dem Konflikt zwischen Georgien und Russland im Falle von Südossetien und Abchasien erreicht hat. Hier ist es gelungen – der Außenminister und ich waren natürlich sehr beschäftigt mit dieser Frage –, Europa zu einer einheitlichen Position zu bringen – das war nicht immer einfach angesichts der unterschiedlichen Interessenslagen – und es gleichzeitig handlungsfähig erscheinen zu lassen. Ohne die Europäische Union hätten wir heute weder einen Sechspunkteplan, mit dem wir arbeiten könnten, noch Fortschritte in dieser gesamten Frage. Deshalb kann ich nur sagen: Bei aller Mühe – wir wissen ja, wie schwer es schon in diesem Parlament ist, sich zu verständigen; wie soll es da zwischen 27 Staaten einfach sein – hat sich die Europäische Union in diesem Sommer in einer entscheidenden Frage als handlungsfähig erklärt, und zwar auf einer vernünftigen Basis. Mit keinem sind die Gesprächskontakte abgebrochen. Wir haben gesagt: Reden gerade in schwierigen Zeiten ist die richtige Antwort. Deshalb werden wir das auch am 2. Oktober bei den deutsch-russischen Konsultationen wieder unter Beweis stellen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Wir haben im Zusammenhang mit dem Kampf gegen den Terrorismus unsere Aufgaben zu leisten. Hier sind wir nach innen besser gerüstet; es finden gerade die Beratungen zum BKA-Gesetz statt. Ich bin optimistisch, dass wir sie erfolgreich abschließen. Wir haben eine besser ausgerichtete Bundespolizei. Wir müssen auch außen unsere Aufgaben erfüllen. Wir haben bittere Erfahrungen mit dem Tod von Soldaten machen müssen – gerade kürzlich mit dem Tod eines jungen Soldaten der Bundeswehr. Wir haben zivile Opfer, Verletzte. Deshalb möchte ich in dieser Stunde einen herzlichen Dank an unsere Soldatinnen und Soldaten genauso wie an die Polizisten und die zivilen Aufbauhelfer richten. Sie haben die Solidarität dieses Parlaments; denn wir wissen um die Schwere, aber auch um die Notwendigkeit der Aufgabe.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Beifall] FDP

Wir spüren alle, dass die Situation in Afghanistan nicht einfach ist, dass die Sicherheitslage auch im Norden komplizierter wird. Aber wir wissen auch um unseren Auftrag. Ich glaube, dass die Bundesregierung mit dem Konzept der vernetzten Sicherheit die richtige Antwort gefunden hat, um das Engagement in Afghanistan fortzusetzen. Das heißt nicht, dass dieses Konzept der vernetzten Sicherheit bereits in allen Fragen so funktioniert, wie wir uns das vorstellen können. Es ist ja so, dass Afghanistan nun einmal eine Regierung, ein Parlament hat. Wir haben die demokratischen Prozesse dort vorangebracht. Wir müssen schauen, dass dieses Konzept der vernetzten Sicherheit auch von allen Akteuren–von denen, die aus dem Ausland helfen kommen, genauso wie von denen, die in Afghanistan Verantwortung tragen – umgesetzt wird.

  • [Zuruf] Dr. Peter Struck (SPD): Sehr richtig

Diese Aufgabe ist nicht beendet. Es hat aber keinen Sinn, bei jedem schrecklichen Vorgang sofort das Konzept infrage zu stellen. Deshalb sage ich hier: Das Konzept der vernetzten Sicherheit ist nach meiner festen Auffassung ohne jede Alternative.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Wir werden im Oktober über die Fortsetzung des Afghanistan-Einsatzes in den nächsten Monaten debattieren müssen, genauso wie wir das heute für UNIFIL tun. Deutschland wird jedenfalls seiner Verantwortung für den Kampf gegen den Terrorismus gerecht werden. Meine Damen und Herren, für mich ist diese Bundesrepublik als Bildungsrepublik ein Land, in dem die Politik verlässlich, langfristig und nachhaltig agiert; ein Land, das den Menschen in den Mittelpunkt rückt, ihn ermutigt, seine Eigenverantwortung fordert, seine Anstrengungen belohnt in einer Gesellschaft, die durchlässig ist und unvoreingenommen jedem seine Chance gibt; ein Land, das offen ist, neugierig, der Welt zugewandt und dabei zugleich selbstbewusst auf dem Boden seiner eigenen Erfolge und Werte steht. Ich glaube, auf diesem Weg ist unser Land ein Stück vorangekommen. Jetzt kommt es darauf an, nicht stehen zu bleiben, sondern mit Geduld und Ausdauer diesen Weg fortzusetzen. Diese Bundesregierung hat wichtige Beiträge dazu geleistet. Sie wird auch in den kommenden Monaten weiter wichtige Beiträge leisten. Herzlichen Dank, meine Damen und Herren.

  • [Anhaltender Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Nächster Redner ist Dr. Gregor Gysi für die Fraktion Die Linke.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Frau Bundeskanzlerin, Sie haben fast allen in unserer Gesellschaft gedankt, nur die Linken haben Sie vergessen. Aber das macht nichts, wir kennen ja unseren Einfluss. Auf den ist von der FDP schon hingewiesen worden.

  • [Beifall] DIE LINKE

Lassen Sie mich mit einem außenpolitischen Thema beginnen: mit Georgien. Die Situation war ja so: Der Präsident von Georgien hat sich entschieden, kriegerisch in Südossetien einzufallen. Niemand in diesem Haus glaubt, dass er das ohne Genehmigung des amerikanischen Präsidenten gemacht hat.

  • [Widerspruch] CDU/CSU
  • [Zuruf] Volker Beck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Sagen Sie mal was zu den russischen Basen in der Region

Nun hört und liest man, ihm sei es wichtig gewesen, im Wahlkampf seinen eigenen Kandidaten voranzubringen. Wenn das stimmt, wenn jetzt schon Kriege wegen eines Wahlkampfes geführt werden, dann ist die Politik diesbezüglich vollständig verrottet. Das ist die Wahrheit.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Russland handelte zunächst noch völkerrechtsgemäß, als es Südossetien befreite. Es verletzte das Völkerrecht aber grob, als es Tiflis bombardierte und sich in Kerngeorgien festsetzte. Russland verletzte das Völkerrecht auch, als es die Unabhängigkeit, die territoriale Abspaltung von Südossetien und Abchasien anerkannte.

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Was machen Sie da vorne eigentlich für Pirouetten
  • [Zuruf] Volker Beck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Es verletzte das Völkerrecht, dass sie russische Pässe ausgegeben haben

Es verletzte das Völkerrecht genauso wie die USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland, als sie Belgrad bombardierten, und genauso wie diese Länder, als diese die territoriale Abspaltung des Kosovo entgegen einem Beschluss des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen beschlossen haben.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Ich denke, die Völker sollen sich selbst befreien Das sagen Sie sonst immer

Und nun passiert Folgendes: Vier Völkerrechtsverletzer stehen da und werfen dem fünften Völkerrechtsverletzer vor, dass er das Völkerrecht verletzt. Da kommt nicht viel bei heraus. Das ist die Wahrheit.

  • [Beifall] DIE LINKE

Lassen Sie mich noch einen Satz dazu sagen: Richard von Weizsäcker hat völlig recht, wenn er davor warnt, die NATO bis an die Grenzen Russlands zu treiben. Was sollen denn diese Provokationen? Man muss doch wissen, dass auch Russland ein Sicherheitsdenken hat. Die Provokationen fingen mit den Stationierungen in Polen und Tschechien an, und jetzt auch noch die Ausweitung der NATO. Lassen Sie das einfach bleiben. Wir sind doch froh, den Kalten Krieg los zu sein. Wir müssen ihn doch nicht unsererseits mit neu organisieren.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Ich erkenne durchaus an, dass Sie in Europa einen Beitrag zur Deeskalation geleistet haben, der dringend erforderlich war. Jetzt haben wir eine Finanzkrise in den USA.

  • [Zuruf] Fritz Kuhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Sagen Sie doch einmal etwas zu den Russen Zu Russland fällt Ihnen nichts eine Unglaublich

Wir haben eine weltweite Finanzkrise. Ich kann nur sagen: Ich bin ziemlich entsetzt, was in diesem Zusammenhang alles passiert. Jetzt ist die nächste Großbank pleite, und alle tun so, als ob es Deutschland fast nichts anginge. Heute früh habe ich in den Nachrichten gehört, dass die Kreditanstalt für Wiederaufbau kurz vor der Pleite der Bank noch einmal 300 Millionen überwiesen hat. Futsch sind sie! Tolle Experten, die da sitzen, kann ich dazu nur sagen. Folgendes ist passiert: Die größte amerikanische Versicherung stand kurz vor der Pleite. Die Notenbank gewährte einen Kredit von 85 Milliarden Dollar – das muss man sich einmal überlegen –, übernimmt dafür aber 80 Prozent des Eigentums. Was macht unsere Bundesregierung bei der Industriekreditbank? Sie übernimmt natürlich auch die Schulden dieser Privatbank in Höhe von 9, 2 Milliarden Euro, aber ihr gehört hinterher kein Prozentpünktchen mehr. Ich weiß gar nicht, ob wir das Geld je wiederbekommen oder ob das einfach so verschenkt wurde. Der Bundesfinanzminister stellt sich hier hin und erklärt stolz, es gebe eine Neuverschuldung von nur 10 Milliarden Euro, und sagt ganz nebenbei: Wir haften hier mit 9, 2 Milliarden Euro mit. Übrigens hat nicht nur die Industriekreditbank diesbezüglich Probleme – auch das muss ich sagen –, sondern auch die Sächsische Landesbank und, ja, Herr Huber, auch die Bayerische Landesbank. Herr Huber, Sie waren der verantwortliche Finanzminister. Der Schaden liegt bei 4, 5 Milliarden Euro. Andere würden zurücktreten. Sie hingegen streben nach höheren Ämtern. Ich sage das nur mal so.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Lachen] Erwin Huber (CDU/CSU)

All das müssen die Bürgerinnen und Bürger bezahlen. Lassen Sie mich noch ein Wort zur Finanzkrise sagen: Der tiefe Konflikt zwischen Schröder und Lafontaine bezog sich auf genau diese Frage. Als Rot-Grün, SPD und Grüne die Wahlen gewannen, da hat Schröder noch erklärt, er wolle die Finanzmärkte regulieren. In Absprache mit Blair ist er aber völlig davon abgekommen und wollte plötzlich die liberalisierten, freien Finanzmärkte.

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Deswegen ist Oskar zurückgetreten, ja?

Lafontaine wollte den Finanzmarkt regulieren. Das war der Zwist.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Jetzt stellen Sie sich als SPD doch einmal hier hin und sagen: In dieser entscheidenden Frage hatte Lafontaine recht und Schröder unrecht. So einfach ist das nämlich.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Die Zeche bezahlen wir jetzt alle.

  • [Zuruf] Fritz Kuhn (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Sie waren auch schon mal besser

Heiner Geißler, zu früheren Zeiten Generalsekretär der CDU, hat jetzt geschrieben: Die Politiker, die Professoren, die Journalisten, die immer von der Freiheit der Finanzmärkte gesprochen haben, können leider nicht zur Verantwortung gezogen werden, obwohl sie eine Mitverantwortung für die gesamte Krise haben.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Wenn wir uns die Situation in Deutschland ansehen, erkennen wir, dass es Momente gibt, die Sie hier ausgelassen haben, Frau Bundeskanzlerin. In den letzten zehn Jahren bis 2006 – die Zahlen liegen vor – sind die Realeinkommen in Deutschland um 6 Prozent gesunken. Das trifft nicht nur die Menschen, sondern auch die kleinen und mittleren Unternehmen, die auf den Binnenmarkt angewiesen sind. Denn wenn die Kaufkraft zurückgeht, werden bei ihnen weniger Waren gekauft und weniger Dienstleistungen in Anspruch genommen. Das alles hat Folgen. In derselben Zeit – das ist spannend, weil Sie immer sagen, es sei ein internationaler Trend – sind die Reallöhne in Frankreich, den USA, Großbritannien und Schweden zwischen 10 und 29 Prozent gestiegen. In Deutschland sind sie um 6 Prozent gesunken. Auch unter Schröder und unter Merkel hat sich nichts daran geändert. Jetzt gibt es eine Studie, die das genauer analysiert. Auch das ist immer spannend. Das Ergebnis der Studie lautet: In den letzten zehn Jahren sind bei den Geringverdienern die Realeinkommen um 10 Prozent gesunken, bei Minijobbern und Teilzeitbeschäftigten sind sie um 14 Prozent gesunken und beim obersten Viertel, bei den Bestverdienenden, sind sie um 4 Prozent gestiegen. Wenn man das alles miteinander verrechnet, kommt insgesamt ein Minus von 6 Prozent heraus. Aber man muss wissen, dass unten viel mehr verloren wurde und oben die Realeinkommen sogar gestiegen sind. Wenn man sich dann noch die Unternehmens- und Vermögenseinkommen ansieht, dann schlackern einem die Ohren. Denn sie sind um 42 Prozent, um 177 Milliarden Euro, gestiegen. Deshalb spüren die Leute genau, dass die Armut zunimmt, während der Reichtum in dieser Gesellschaft maßlos wird. Dagegen unternehmen Sie gar nichts.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Es gibt immer das folgende Argument – das hat mich auch beschäftigt –: Wir hatten zu hohe Löhne und mussten mit den Realeinkünften herunter, weil Deutschland im internationalen Vergleich nicht mithalten konnte. Jetzt haben wir uns das einmal angesehen. Die Deutsche Bank Research – Sie werden zugeben, dass dies keine linke Einrichtung ist – hat das Pro-Kopf-Einkommen in den alten 15 EU-Mitgliedsländern festgestellt. Wissen Sie, Herr Huber, auf welchem Platz wir liegen? Auf Platz zwölf. Ich bitte Sie! Spanien hat uns im letzten Jahr überholt; da waren wir noch auf Platz elf. Jetzt sind wir auf Platz zwölf. Hinter uns liegen nur noch Italien, Griechenland und Portugal; aber die geben sich Mühe.

  • [Heiterkeit] DIE LINKE

Ich kann also nur sagen: Auf das Ergebnis, das Sie vorlegen, können Sie nicht stolz sein.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Ich möchte auch erwähnen, dass die 20 Millionen Rentnerinnen und Rentner seit Jahren nur Minusrunden erleben. Denn auch das kleine Plus ist immer eine Minusrunde, wenn Sie es mit der Mehrwertsteuererhöhung, mit der Inflationsrate und anderen Dingen verrechnen. Nun sagen Sie: Die Linken kritisieren immer alles und versprechen das Blaue vom Himmel. Das alles sind Populisten, die nichts einhalten können.

  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] Ludwig Stiegler (SPD): Vollkommen richtig
  • [Zuruf] Joachim Poß (SPD): Bei Ihnen beginnt ja die Selbsterkenntnis

– Ich wusste es doch.

  • [Zuruf] Ludwig Stiegler (SPD): Sie sind nur verstockt

Verstehen Sie, diese billige Argumentation ist selbst bis zu mir schon vorgedrungen. Aber sie ist falsch.

  • [Heiterkeit] DIE LINKE

Denn wir müssen einmal einen Vergleich der Steuerund Abgabenquoten wiederum in den 15 alten EU-Mitgliedsländern machen. Im Schnitt liegt die Steuer- und Abgabenquote in diesen 15 Ländern bei 40 Prozent. In Deutschland liegt sie bei 36 Prozent. Das sind 4 Prozent weniger. Hätten wir den Durchschnitt der alten EU-Mitgliedsländer, hätten wir jährlich eine Mehreinnahme in Höhe von 100 Milliarden Euro. Damit ließe sich alles finanzieren, was die Linke hier im Bundestag vorgeschlagen hat.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Zuruf] Bernhard Brinkmann (SPD): Es fehlen immer noch 50

Was haben Sie stattdessen gemacht? Sie sind der Deutschen Bank entgegengekommen. Sie haben die Körperschaftsteuer von 45 auf 15 Prozent gesenkt. Sie sind den Spitzenverdienern entgegengekommen. Sie haben den Spitzensteuersatz der Einkommensteuer von 53 auf 42 Prozent gesenkt. Das kostet den Staat übrigens jährlich 11 Milliarden Euro, die einfach weg sind, weil Sie dieses Geschenk verteilt haben. Was müssten wir machen, um an den Durchschnitt heranzukommen? Man sollte nicht die Mehrwertsteuer erhöhen. Welchen Weg könnte man gehen?

  • [Zuruf] Bernhard Brinkmann (SPD): Gysi höher besteuern

Wir wollen wieder eine paritätische Beteiligung der Unternehmen an der Rentenversicherung. Die Riester-Rente ist doch nichts an der es als eine Entlastung der Unternehmen.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und der Staat müssen das allein bezahlen. Die Allianz macht mit der Riester-Rente ein tolles Geschäft. Deshalb überweist sie jedes Jahr an die CSU, an die CDU, an die FDP, an die SPD und auch an die Grünen 60001 Euro. Die einzige Partei, die nichts bekommt, sind wir.

  • [Zuruf] Joachim Poß (SPD): Sie haben ja genug Vermögen im Hintergrund Sie haben ja das SED-Vermögen

Aber ich sage einmal: Ich bin relativ stolz darauf, dass es noch eine nicht allianzgesponserte Partei im Deutschen Bundestag gibt.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Zuruf] Joachim Poß (SPD): Möglicherweise ist Ihr Geld auch in Liechtenstein

Wir schlagen Ihnen eine Börsenumsatzsteuer vor. Hätten wir eine Börsenumsatzsteuer von 1 Prozent, hätten wir jährlich eine Mehreinnahme in Höhe von 70 Milliarden Euro. Das lässt sich doch machen; auch andere Länder haben Börsenumsatzsteuern.

  • [Zuruf] FDP

– Ach, Quatsch. Wir sollten vor allen Dingen auch die Spekulationen ein bisschen reduzieren, die auf unserem Erdball maßlos geworden sind. Wir schlagen eine angemessene Vermögensteuer vor. Wir haben in Deutschland Milliardäre. Ich bitte Sie! So fleißig kann gar kein Einzelner sein, um sich eine Milliarde legal zu erwirtschaften. Wie dem auch sei: Alle Milliardäre sind doch Verfassungspatrioten und wissen, dass das Eigentum auch dem Allgemeinwohl dienen soll. Wir kommen ihnen solidarisch entgegen, nehmen ihnen einen Teil ihres Geldes weg und verteilen es im Interesse des Allgemeinwohls. Das ist doch nachvollziehbar.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Wir wollen, dass der Spitzensatz der Einkommensteuer für Einkommen über 80000 Euro im Jahr 50 Prozent beträgt. Das ist doch nicht unangemessen! Sie behaupten, Sie hätten die Arbeitslosigkeit abgebaut. Die SPD behauptet sogar, das liege an der Agenda 2010. Das hat zwar nichts miteinander zu tun; aber Sie können ja erzählen, was Sie wollen.

  • [Zuruf] Dr. Peter Struck (SPD): Quatsch Dummes Zeug

Der Aufschwung, der von Ihnen gepriesen worden ist, kam bei 16 Prozent der Leute an. 84 Prozent der Leute haben von diesem Aufschwung nichts, aber auch gar nichts mitbekommen. Das Statistische Bundesamt – auch keine linke Einrichtung – hat eine wunderbare Analyse vorgelegt und darin Folgendes festgestellt: Die Zahl der Menschen in Teilzeitjobs, Leiharbeitsstellen, 400 -Euro-Jobs und befristeten Arbeitsverhältnissen ist von 1997 bis 2007 um 2, 6 Millionen gestiegen. Jetzt liegt diese Zahl bei 7, 68 Millionen. In denselben zehn Jahren ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Vollzeitbeschäftigten um 1, 53 Millionen gesunken. Sie haben also keinen Grund, stolz zu sein.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Abbau der Arbeitslosigkeit durch Verschiebung von Vollzeitbeschäftigung in prekäre Arbeitsverhältnisse – das ist bei Ihrer Politik herausgekommen. Herr Huber, Frau Merkel und Herr Steinmeier, ich sage Ihnen: CSU, CDU und SPD haben keinen Grund, stolz zu sein auf 2, 5 Millionen arme Kinder in Deutschland. Sie haben keinen Grund, stolz zu sein auf 7, 4 Millionen Menschen, die von Hartz IV leben. Sie haben keinen Grund, stolz zu sein auf 6, 6 Millionen Menschen, die in Minijobs für ein Einkommen von 400 Euro arbeiten. Sie haben keinen Grund, stolz zu sein auf weitere 6, 5 Millionen Menschen mit niedrigsten Einkommen. Sie haben keinen Grund, stolz zu sein auf 800000 Menschen, die in Leiharbeit beschäftigt sind, in einer modernen Form der Sklaverei.

  • [Zuruf] Dirk Niebel (FDP): Glauben Sie denn, die wären lieber arbeitslos? Das ist doch unglaublich

Sie haben keinen Grund, stolz darauf zu sein, dass die Energiepreise um 14 Prozent gestiegen sind, dass bereits 800000 Haushalten in Deutschland – ich wiederhole: 800000 Haushalten! – der Strom abgestellt wurde und dass die Nahrungsmittel um 8 Prozent teurer geworden sind.

  • [Zuruf] Joachim Poß (SPD): Das ist doch Quatsch
  • [Zuruf] Dr. Peter Struck (SPD): Wer hat das denn zu verantworten? Was soll dieser Mist?

Frau Bundeskanzlerin, Sie haben viel über Bildung geredet. Ich stimme Ihnen zu: Bildung ist ein zentrales Thema; denn Chancengleichheit kann nur über Bildung erreicht werden. Sie haben aber nicht erwähnt, dass unser Bildungsniveau im Vergleich in Europa mittlerweile unterdurchschnittlich ist. Es geht nicht um Besuche, sondern um Investitionen. Die brauchen wir im Bildungsbereich.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Frau von der Leyen, gelegentlich schätze ich, was Sie sagen. Aber Ihre Elterngeldregelung ist ein starkes Stück. Für die Hälfte der Bezieherinnen und Bezieher, und zwar für die ärmere Hälfte der Bevölkerung, haben Sie die Bezugsdauer des Elterngeldes um die Hälfte gekürzt und den Bestverdienenden eine Erhöhung des Elterngeldes zugebilligt. Eine so direkte Umverteilung von unten nach oben, wie Sie sie an dieser Stelle organisiert haben, habe ich in dieser Gesellschaft bisher selten erlebt. Das ist nicht hinnehmbar.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Wo blieb eigentlich der Protest der SPD? Warum haben Sie das zugelassen? Frau Bundeskanzlerin, nun komme ich auf Ostdeutschland zu sprechen. Nur ein Beispiel: Wir haben vor einem Jahr 17 Anträge gestellt, um Überführungslücken und -ungerechtigkeiten sowie Ungleichbehandlungen bei der Rente zu überwinden.

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Stasirenten zum Beispiel

Ihr Kanzleramtsminister hat uns seinerzeit mitgeteilt, es gebe noch Beratungsbedarf.

  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Stasirenten

Also haben wir gewartet. Im Mai hat er uns dann mitgeteilt, dass es immer noch Beratungsbedarf gibt. Wir haben wieder gewartet. Später haben wir das zwar in erster Lesung im Plenum behandelt, aber noch nicht in den Ausschüssen. Das Kanzleramt teilte uns nämlich mit, dass es immer noch Beratungsbedarf gibt.

  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Stasirenten

– Herr Kauder, quatschen Sie doch nicht über etwas, von dem Sie keine Ahnung haben! Lesen Sie lieber erst einmal unsere 17 Anträge, bevor Sie sich leichtfertig dazu äußern.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Wir werden darauf drängen, dass dieses Thema jetzt auch in den Ausschüssen behandelt wird, damit unser Gesetzentwurf bald im Plenum des Bundestages in zweiter Lesung beraten werden kann. Seit 1990 sind diese Probleme bekannt. Noch länger kann Ihr Kanzleramt nicht beraten. Jetzt müssen Sie dazu endlich einmal Ja oder Nein sagen.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Bald findet die Bayernwahl statt. Deshalb ist heute auch Herr Huber zu uns gekommen; das ist völlig okay, und das ist Ihr gutes Recht.

  • [Zuruf] Thomas Oppermann (SPD): Wie bitte? Ist das wirklich der Grund, Herr Huber?

Eines geht aber nicht, Herr Huber: Sie können nicht in Bayern immer so tun, als wären Sie in Berlin in der Opposition. Denn hier in Berlin sind Sie an der Regierung beteiligt; das müssen wir allen Bürgerinnen und Bürgern sagen. Die Mehrheit des Bundestages hat seit 2005 keinen Beschluss gefasst, der nicht auch Ihre Zustimmung gefunden hat, einschließlich der dramatischen und unverantwortlichen Kürzung der Pendlerpauschale. Das ist die Wahrheit.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Zuruf] Ulrich Kelber (SPD): Das war der erste richtige Satz

Der Bundesfinanzhof, der seinen Sitz in München hat, hält die Kürzung der Pendlerpauschale für grundgesetzwidrig. Daraufhin haben wir gesagt: Lasst uns doch selbst Politik machen! Lasst uns diese Schwachsinnsregelung zurücknehmen! Wir müssen doch nicht warten, bis das Bundesverfassungsgericht wieder ersatzweise für den Bundestag Politik macht. – Dann haben wir eine namentliche Abstimmung durchgeführt. Herr Huber, ich muss es Ihnen sagen: Alle CSU-Abgeordneten haben im November 2007 dafür gestimmt, dass die Kürzung der Pendlerpauschale erhalten bleibt. Das ist die Wahrheit.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Nun haben wir festgestellt, dass Sie jetzt eine andere Auffassung vertreten. Deshalb haben wir es wieder in den Bundestag eingebracht. Am Donnerstag vor der Landtagswahl in Bayern können wir namentlich darüber abstimmen. Mal sehen, wie Ihre Abgeordneten dann entscheiden. Darauf dürfen wir gespannt sein.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] FDP

Ich finde es toll, dass Sie plötzlich dafür sind, den Steuerfreibetrag bei der Einkommensteuer von 6800 Euro auf 8000 Euro zu erhöhen, dass Sie dafür sind, den Steuerbauch bei der Einkommensteuer zu beseitigen. Damit haben Sie völlig recht. Wenn man oben bei den Bestverdienenden in der Steuer nachlässt, dann muss das einer bezahlen. Das sind bei uns die Durchschnittsverdiener. Deshalb haben wir diesen Steuerbauch, der nicht gerechtfertigt ist. Herr Huber, Sie müssen aber erwähnen, wer den Steuerbauch erfunden hat. Das war Theo Waigel unter Kanzler Kohl. Er war zudem Vorsitzender der CSU. Ich finde, darauf muss man doch wenigstens hinweisen.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Sie erwähnen auch nicht, dass wir im April 2008 im Bundestag eine Debatte über die Erhöhung des Steuerfreibetrags und über die Beseitigung des Steuerbauches geführt haben und die CSU dagegen polemisiert und dagegen gestimmt hat. Einen Monat später fällt Ihnen ein, dass Sie eine andere Auffassung vertreten. Diese Art des Wahlkampfes ist zu billig. Lassen Sie mich zum Schluss noch etwas zur SPD sagen. Ich habe Ihre Personalentscheidung – zurück zu Schröder – mitbekommen. Hierzu möchte ich Ihnen drei Dinge sagen. Sie haben beschlossen, für einen gesetzlichen flächendeckenden Mindestlohn einzutreten. Sie haben ferner beschlossen, dass Sie für eine Bürgerversicherung sind. Irgendwann einmal haben Sie auch beschlossen, dass Sie die Vermögensteuer erheben wollen. Nun sagt Herr Müntefering, dass er unbedingt eine Koalition mit der FDP eingehen möchte. Das heißt, es gibt keinen Mindestlohn, es gibt keine Bürgerversicherung, und es gibt keine Vermögensteuer. Ich nehme an, diesbezüglich ist Verlass auf die FDP.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Heiterkeit] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Heiterkeit] DIE LINKE

Wenn das so ist, dann sage ich Ihnen: Wenn Sie wieder im Wahlkampf für einen gesetzlichen Mindestlohn eintreten und gleichzeitig sagen, dass Sie mit der FDP zusammengehen wollen, dann bereiten Sie den nächsten Betrug der Wählerinnen und Wähler vor. Das werden wir versuchen deutlich zu entlarven.

  • [Beifall] Gert Winkelmeier (DIE LINKE)
  • [Beifall] DIE LINKE

Das Wort erhält nun Dr. Peter Struck für die SPD-Fraktion.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Sehr geehrter Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Herr Kollege Gysi, Sie haben sich darüber beklagt, dass Sie keine Spende von der Allianz bekommen haben. Diese brauchen Sie auch nicht; denn Sie haben noch irgendwo altes SED-Vermögen versteckt. Das wissen wir doch ganz genau.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Widerspruch] DIE LINKE

Sie sind offenbar der Meinung, die Koalition mache die Energiepreise und die Löhne.

  • [Zuruf] Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE): Nein

– So haben Sie es gesagt. – Da liegen Sie falsch, Herr Kollege Gysi. Diese machen andere, aber nicht diese Koalition.

  • [Zuruf] Dr. Gregor Gysi (DIE LINKE): Schlimm ist, dass Sie das nicht machen

Sie müssen bei der Wahrheit bleiben, wenn Sie sich hierzu äußern.

  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] CDU/CSU: In der Gesellschaft, die Gysi vorschwebt, werden Löhne und Preise vom Staat gemacht

Meine Damen und Herren, die Bilder und Berichte von der Wall Street haben die Finanzmärkte in den vergangenen Tagen sehr beunruhigt. In unseren und in anderen Medien sind wegen der allgemeinen Finanzkrise in Amerika Katastrophenszenarien entwickelt worden. In dieser allgemeinen Verunsicherung hat uns gestern Finanzminister Peer Steinbrück eine solide Einschätzung an die Hand gegeben,

  • [Beifall] SPD
  • [Beifall] Oskar Lafontaine (DIE LINKE)

keine Verharmlosung, sondern eine sehr seriöse Analyse. Ich bin ihm sehr dankbar dafür.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Er hat uns in dem Wissen bestätigt, dass wir mit ihm einen Chef des Finanzressorts haben, der die Tiefen und Untiefen der weltweiten Finanzmärkte kennt

  • [Lachen] DIE LINKE

und bei seinen Kollegen in Europa und vor allen Dingen auch bei seinen Kollegen in der G- 8 -Gruppe höchste Anerkennung genießt. Das respektieren wir, und dafür danken wir ihm.

  • [Beifall] SPD

Die Große Koalition braucht ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen. Wir haben bei der Haushaltskonsolidierung, der Stabilisierung der Wirtschaft und der Schaffung neuer Arbeitsplätze mehr erreicht, als wir 2005 realistisch erwarten durften und als uns die Oppositionsfraktionen mit ihren düsteren Prophezeiungen vorausgesagt haben. Wir sind stolz auf das, was wir geleistet haben. Deutschland ist vorangekommen. Diese Koalition hat gute Arbeit geleistet.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Damit auch nicht der kleinste Zweifel aufkommt: Auch im letzten Jahr ihrer Regierungszeit wird sie weiter gut zusammenarbeiten und in ihren Anstrengungen nicht nachlassen.

  • [Zuruf] Dr. h. c. Jürgen Koppelin (FDP): Kein Beifall
  • [Zuruf] Dr. Guido Westerwelle (FDP): Nun kommt Klatschen Beifall

– Ja, ich habe auch erwartet, dass Beifall kommt. Die Kolleginnen und Kollegen müssen noch darüber nachdenken. Wir alle haben es aber versäumt, für die gemeinsamen Erfolge auch offensiv zu werben. Wir haben unsere gute Arbeit unter Wert verkauft. Ich bin jedenfalls dafür, dass wir die Zeitspanne bis zum beginnenden Wahlkampf im nächsten Frühsommer dafür nutzen, unsere gemeinsamen Erfolge deutlich herauszustellen. Wir sollten damit in dieser Haushaltswoche beginnen und Finanzminister Peer Steinbrück für eine solide und vorausschauende Konsolidierungspolitik danken. Es stimmt, dass die Risiken eines Abwärtstrends der Weltwirtschaft näher gerückt sind und dass es keinen Anlass zu leichtfertigem Optimismus gibt. Genauso gilt aber, dass die Wachstumserwartungen in Deutschland dank einer einsichtigen Politik immer noch doppelt so hoch sind wie in Frankreich und England. Deutschland ist und bleibt die Konjunkturlokomotive in der Europäischen Union; darauf sind wir stolz. Ist das nichts?

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] Steffen Kampeter (CDU/CSU): Da muss Herr Steinbrück einmal gelobt werden

Wenn wir über die Beschäftigungssituation in Deutschland reden, dann müssen wir wissen, dass allein im letzten Jahr über 600000 Menschen eine reguläre sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gefunden haben. Es besteht die Chance, dass die Zahl der Arbeitslosen im Herbst unter 3 Millionen sinkt. Erstmals seit Beginn der 90 er-Jahre ist die Erreichung der Zielmarke Vollbeschäftigung keine Utopie mehr. Ist das nichts?

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Sollen wir uns diese Erfolge kaputtreden lassen, nur weil wir uns über den weiteren Weg hin zu guter Arbeit nicht einig sind? Sollten wir nicht endlich dem Unsinn der Linkspartei lauter widersprechen, die neuen Arbeitsplätze ließen sich auf 1 -Euro-Jobs reduzieren? Das ist wieder eine dieser Propagandalügen, mit denen die Linkspartei Unsicherheit schürt.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Die Wahrheit ist: Die Zahl der Arbeitslosen ist seit 2005 um fast 2 Millionen zurückgegangen, während die Zahl der 1 -Euro-Jobber konstant bei 300000 geblieben ist. Wir haben es geschafft, die Sozialversicherungsbeiträge seit 2006 radikal zu senken. Die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung sind von 6, 5 Prozent im Jahre 2005 bis zum Jahresende 2008 mehr als halbiert worden. Ist das nichts?

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Müssen wir diesen Erfolg durch eine Debatte darüber zerreden, ob wir sie jetzt nicht noch weiter senken können? Wir sollten die Warnungen der Bundesagentur für Arbeit und ihres Präsidenten nicht einfach in den Wind schlagen. Generell steht außer Frage, dass alle in dieser Koalition bemüht sind, die Lohnnebenkosten zu senken. Für uns Sozialdemokraten ist klar, dass gerade die Normalverdiener weit mehr davon profitieren als von weiteren Steuersenkungen, die erst bei Empfängern höherer Gehälter zu Buche schlagen. Deshalb wollen wir die Lohnnebenkosten, auch den Arbeitslosenversicherungsbeitrag senken.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Diese Koalition hat sich viel vorgenommen, und sie hat viel erreicht – mehr als uns die professionellen Beobachter zugetraut haben –: Unternehmensteuerreform, Pflegereform, Teilprivatisierung der Bahn, Föderalismusreform, Haushaltskonsolidierung. Selbst mit der unter den Koalitionspartnern besonders umstrittenen Gesundheitsreform haben wir die Grundlage dafür geschaffen, dass auch in Zukunft für alle Menschen eine qualitativ hochwertige Versorgung garantiert ist. Ist das nichts?

  • [Beifall] SPD

Viele von uns sind im Ausland unterwegs und lernen dabei eines: Kein Land auf der Welt hat ein solches Gesundheitssystem wie die Bundesrepublik Deutschland. Dass wir darauf stolz sein können und dass wir das auch bezahlen müssen, steht außer Frage.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Bei jedem dieser Projekte hat es massive öffentliche Zweifel darüber gegeben, ob wir das schaffen und ob sich die Koalition zusammenraufen kann. Sie hat es geschafft; sie hat sich zusammengerauft. Ich will an dieser Stelle den vielen Experten und Fachleuten der beiden Fraktionen, die maßgeblich zum Gelingen dieser vielen Projekte beigetragen haben, danken. Das ist eine schwere, aber auch eine gute Arbeit gewesen.

  • [Beifall] SPD

Diese Koalition – darauf muss ich als Sozialdemokrat hinweisen – hat auf vielem aufbauen können, was die rot-grüne Vorgängerregierung angestoßen hat.

  • [Beifall] Joachim Poß (SPD)

Als Beispiel nenne ich die Familien- und Bildungspolitik. Wir haben seinerzeit im Rahmen der Agenda 2010 für die Ganztagsbetreuung von Kindern 4 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt, und zwar gegen den Widerstand mancher christdemokratischer Ministerpräsidenten.

  • [Beifall] SPD

Jetzt ist dieser Schritt von allen als richtig erkannt worden. Alle sind dankbar dafür, dass wir das gemacht haben.

  • [Beifall] SPD

6400 Schulen sind inzwischen als Ganztagsschulen eingerichtet. Das hat dazu geführt, dass sich diese Koalition darauf geeinigt hat, auch den Ausbau der Krippenplätze intensiv zu fördern, deren Zahl bis 2013 auf 750000 erhöht werden soll. Zudem soll ein Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz eingeführt werden. Damit sorgen wir für gleiche und damit bessere Bildungschancen von Kindern vor allen Dingen aus sozial benachteiligten Familien.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Bei dieser Aufgabe lassen wir die Kommunen nicht allein, sondern wir garantieren eine dauerhafte Beteiligung des Bundes an den Betriebskosten der Kindertagesstätten. In diesem Zusammenhang will ich darauf hinweisen, dass die Kommunen wissen, dass sie mit der Sozialdemokratie einen starken Partner in der Regierung haben. Wir haben ihnen versprochen, dass mit uns an der Gewerbesteuer nicht zu rütteln ist. Das Versprechen haben wir im Zuge der Unternehmensteuerreform eingehalten.

  • [Beifall] SPD

Das bedeutet für die Kommunen in Deutschland: Es ist wieder Geld da für den Ausbau der Straßen, für den Bau von Schulen und für öffentliche Aufgaben vor Ort. Das ist praktische und realistische Politik für die Menschen. Wir haben in der Bildungspolitik durch eine Erhöhung des BAföG von diesem Wintersemester an ein Zeichen gesetzt, dass das Studium kein Privileg für diejenigen sein darf, die es sich finanziell leisten können. Wir wollen, dass jeder nach seinen Fähigkeiten studieren kann, nicht nach dem Geldbeutel der Eltern.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Ich finde es übrigens gut, Frau Bundeskanzlerin, dass Sie das Thema Bildung – Sie haben eben lange darüber gesprochen – zur Chefsache gemacht haben. Allerdings bin ich gespannt, ob Ihre Ministerpräsidenten all das, was Sie hier vorgetragen haben, so akzeptieren werden. Ich wünsche Ihnen Erfolg. Wir wollen dabei helfen.

  • [Beifall] SPD

BAföG-Erhöhung, Wiedereinführung des Meister-BAföG – wir machen keine leeren Versprechungen, sondern wir halten, was wir sagen. Das ist der Unterschied zur Linkspartei. Mit seriöser Politik hat sie nichts zu tun.

  • [Beifall] SPD

Selbst Teilen der Linkspartei geht das Gefasel von Gysi und Lafontaine allmählich gegen den Strich. „Luftschlösser“, mosert der sachsenanhaltinische Landesvorsitzende Matthias Höhn, Die Linke. „Zutiefst unseriös“, so warnen Finanzpolitiker der Linkspartei vor immer neuen Milliardenversprechungen. Zu Recht: Von September 2007 bis Juni 2008 hat die Linkspartei über 120 Anträge und Gesetzentwürfe in den Deutschen Bundestag eingebracht, die ungedeckte Mehrkosten von gut 100 Milliarden Euro mit sich bringen würden.

  • [Zuruf] Volker Schneider (DIE LINKE): Aha

Rechnet man hoch, was die Linkspartei über die gesamte Legislaturperiode an Forderungen gestellt hat, so müssten jährlich 255 Milliarden Euro zusätzlich her. Dann muss man aber auch sagen, woher das Geld kommen soll, Herr Kollege Lafontaine, Sie größter Finanzpolitiker der Welt.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD
  • [Heiterkeit] CDU/CSU
  • [Heiterkeit] SPD

Das ist fast so viel, wie Peer Steinbrück für den Haushalt insgesamt braucht. Schulden, Steuer- und Abgabenerhöhungen, das ist das Gebräu, mit dem sich Herr Lafontaine aus dem Wirrwarr ungedeckter Versprechungen herausreden will.

  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Aber da musst du auch Christa Müllers 100 Milliarden mitrechnen

– Ich rede erst einmal über den Herrn. – Ein kenntnisreicher Journalist hat am Montag in einem Nachrichtenmagazin die finanzpolitischen Ungereimtheiten, Verfälschungen und Lügen treffend beschrieben. Nur der Titel „Die ökonomischen Märchen des Oskar Lafontaine“ ist irreführend; denn im Märchen siegt am Ende immer das Gute. Aber mit Ihren ökonomischen Giftrezepturen wird es nur ein ganz böses Erwachen geben, Herr Kollege Lafontaine. Lassen Sie mich eine persönliche Anmerkung zu dem Umgang von Lafontaine mit der Wahrheit machen. Er hat vor kurzem über die Zwangsvereinigung von KPD und SPD gesagt, dass es sie nie gegeben habe und dass die SPD freiwillig mitgemacht habe.

  • [Zuruf] Oskar Lafontaine (DIE LINKE): Sie lügen

Das ist eine geschichtliche Dreistigkeit und eine Beleidigung eines jeden Sozialdemokraten, der dafür ins Gefängnis musste.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Beifall] FDP
  • [Zuruf] Oskar Lafontaine (DIE LINKE): Ich bezichtige Sie der Lüge

– Sie sind ein Lügner, und Sie sollten sich schämen. Nicht einmal diesen Rest Anstand, diesen Rest Moral und diesen Rest Respekt vor den DDR-Opfern hat sich dieser Mann bewahren können. Sie halten Populismus für eine Primärtugend, Herr Kollege.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] Dr. Gesine Lötzsch (DIE LINKE): Ein bisschen mehr Niveau könnte man vom Vorsitzenden der SPD-Fraktion erwarten

Gestatten Sie mir einige Worte zur Außenpolitik. Raus aus der NATO, raus aus dem Kosovo, raus aus Afghanistan – mit diesem Weg in die internationale Isolation kann man für Deutschland keine Politik machen. Unsere Partner und Freunde beobachten genau, was wir auf internationaler Ebene tun und lassen. In den nächsten Wochen werden wir vermutlich eine neue Entscheidung über die Verlängerung des ISAF-Mandats in Afghanistan treffen. Ich weiß – auch aus vielen Veranstaltungen –, dass dieser Einsatz in der Bevölkerung sehr umstritten ist. Ich weiß aber auch, dass es keine Alternative dazu gibt, wenn der Wiederaufbau des Landes vorangehen soll. Würde Deutschland sich zurückziehen, dann hätte das einen Dominoeffekt für die Präsenz anderer Länder.

  • [Widerspruch] Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE)

Sicher reicht das nicht als Begründung für eine Verlängerung aus; denn schließlich müssen wir verantworten, ob wir unseren Soldaten den gefährlichen Einsatz weiter zumuten können. Wir sollten uns deshalb immer wieder in Erinnerung rufen, warum wir in Afghanistan sind. Vor wenigen Tagen, am 11. September, hatten wir Anlass dazu. Bei den Anschlägen in New York und Washington 2001 sind über 3000 Menschen ums Leben gekommen. Diese Anschläge waren das Werk islamistischer Terroristen. Die Taliban in Afghanistan haben diesen Terrorismus geduldet und gefördert. Deshalb war es nicht nur im amerikanischen Interesse, dieses Regime zu beseitigen. Wir müssen heute verhindern, dass die Taliban weiter erstarken und in Afghanistan an die Macht zurückkehren. Wir dürfen nicht sehenden Auges zulassen, dass sich Afghanistan zu einem Exportland für Terrorismus zurückentwickelt.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Wir dürfen auch nicht ausblenden, wer hierzulande vor Gericht des Terrorismus beschuldigt wird und sein Handwerk in Afghanistan gelernt hat. Sind die beiden Täter, die in Bahnhöfen Kofferbomben deponiert haben, durch die Menschen getötet werden sollten, vergessen? Deshalb arbeiten wir mit 40 anderen Staaten der Welt zusammen an einer besseren Zukunft in und für Afghanistan. Denn nur dann, wenn das Land wieder auf die Beine kommt und die Menschen wieder eine Lebensperspektive haben, werden sie den Drohungen und haltlosen Versprechungen der Islamisten widerstehen können. Der zivile Aufbau muss dabei im Mittelpunkt stehen. Darüber gibt es keine Diskussion und keinen Zweifel. Aber ohne die Absicherung durch das Militär ist er nicht möglich. Das wird jeder von uns bestätigen, der selbst vor Ort war. Ohne das Militär geht es nicht. Wir führen keinen Krieg gegen das afghanische Volk. Wer das behauptet, redet blanken Unsinn. Aber es gibt erstarkende Kräfte in Afghanistan, die den Wiederaufbau verhindern wollen, weil sie ihn zu Recht als Gefahr für die eigene Daseinsberechtigung sehen. Denn wenn wir zusammen mit Präsident Karzai und der Regierung in Afghanistan erfolgreich sind, dann werden Terror und Islamismus bei der afghanischen Bevölkerung keinen Rückhalt mehr finden. Ich bin deshalb der festen Überzeugung, dass wir unser Engagement in Afghanistan in der ganzen Breite–zivil und militärisch – fortsetzen müssen. Auch müssen wir unseren Soldaten alle verfügbaren Mittel an die Hand geben, um diesen Auftrag optimal erfüllen zu können.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD
  • [Beifall] FDP

Das sollten wir übrigens auch bedenken, wenn wir in den nächsten Tagen und Wochen im Bundestag über den Einsatz von AWACS-Flugzeugen zu entscheiden haben sollten. In der Außenpolitik angekommen will ich an dieser Stelle dem klugen und besonnenen Vorgehen der Bundesregierung in der Kaukasus-Krise meinen Dank aussprechen. Ihre Äußerungen dazu, Herr Gysi, waren völlig wirr und für mich nicht erklärlich. Frau Bundeskanzlerin, Sie haben die erfolgreichen Bemühungen Ihres Außenministers optimal unterstützt.

  • [Beifall] SPD
  • [Heiterkeit] SPD
  • [Heiterkeit] CDU/CSU
  • [Heiterkeit] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Heiterkeit] FDP

Vielleicht können Sie dem einen oder anderen Kollegen in Ihrer Fraktion erklären, dass es an dieser Politik nichts zu mäkeln gibt. Wir Sozialdemokraten sind jedenfalls froh, dass wir mit Frank-Walter Steinmeier einen Außenminister haben, der die Interessen Deutschlands mit Beharrlichkeit und Augenmaß vertritt.

  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Das ist sogar dem Herrn Steinmeier peinlich, dem sonst wenig peinlich ist

Wir sind stolz darauf, dass dieser Außenminister in der Tradition des letzten sozialdemokratischen Außenministers Willy Brandt Deutschlands Ansehen als Volk der guten Nachbarn gestärkt hat.

  • [Beifall] SPD

Nach der Ernennung Frank-Walter Steinmeiers zum Kanzlerkandidaten der SPD – nun komme ich zu dem, was Sie hören wollen – gab es aus den Reihen unseres Koalitionspartners – zum Glück nur ein paar einzelne – verwirrte und verirrte Stimmen.

  • [Zuruf] Steffen Kampeter (CDU/CSU): Dann können die nicht von uns sein

Es hieß, der Außenminister müsse sich zu 100 Prozent auf das Auswärtige Amt konzentrieren. Seien Sie sicher, dass der Vizekanzler die Regierungsgeschäfte genauso wenig vernachlässigen wird wie die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland!

  • [Beifall] SPD

Für beide gilt, was für alle in der Koalition gelten sollte: Jetzt ist Arbeit angesagt. Wahlkampf ist später, nicht jetzt. Bis dahin gibt es noch viel zu tun. Wir haben uns in der letzten Woche intensiv damit befasst, wie wir uns wirkungsvoll gegen die zunehmende Zahl von Spekulationsgeschäften am Öl- und Gasmarkt wappnen können; auch die Kanzlerin hat davon gesprochen. Die augenblickliche Entwarnung beim Preis für ein Barrel Öl darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der zunehmende Energiehunger Chinas und Indiens auf Dauer die Preise bestimmen und nach oben treiben wird. Man kann es drehen und wenden, wie man will, letztlich bleibt uns nur eine Option: Wir müssen unseren Energieverbrauch verringern. Das kostengünstige Öl ist das Öl, das wir erst gar nicht verbrauchen. Energieeinsparungen und höhere Energieeffizienz sind neben den erneuerbaren Energien

  • [Zuruf] Steffen Kampeter (CDU/CSU): Und der Atomkraft

unsere besten heimischen Energiequellen.

  • [Beifall] SPD

Eine höhere Effizienz nutzt außerdem der Umwelt und dem Klimaschutz. Wir haben intensiv geprüft – das gilt auch für die Unionsfraktion –, ob wir den Bürgerinnen und Bürgern mit verbilligten Grund- und Sozialtarifen helfen können. Diesen Weg haben wir verworfen, weil er entweder durch bürokratischen Aufwand unattraktiv oder durch erhebliche Mitnahmeeffekte unbezahlbar würde. Wir werden in den nächsten Wochen unsere Arbeitsergebnisse vorlegen. Aber schon jetzt sind wir der Meinung, dass es mittelfristig am sinnvollsten ist, unsere Energieeffizienz zu erhöhen sowie die Mittel für das erfolgreiche CO 2 -Gebäudesanierungsprogramm weiter aufzustocken und bis mindestens 2015 zu verstetigen.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Außerdem schlagen wir vor, in den nächsten Jahren Großraumsiedlungen in Berlin, Hamburg und anderen großen Städten Deutschlands in großem Stil energetisch zu sanieren. Kurzfristig können wir Geringverdienern Entlastung verschaffen, indem wir die beschlossene Wohngelderhöhung auf Beginn der kommenden Heizperiode vorziehen. Ich höre, dass die Koalitionsfraktion CDU/CSU diesem Vorschlag wohl folgen wird.

  • [Beifall] SPD

Ich weiß, dass sich die Union intensiv mit Fragen der Energieeinsparung befasst; das ist gut. Aber ich rate dringend dazu, das nicht mit dem im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Ausstieg aus der Kernenergie zu vermischen und diesen nicht zu verwässern. Wir bleiben bei dem Ausstieg aus der Kernenergie. Er ist für uns nicht verhandelbar.

  • [Beifall] Dr. Ilja Seifert (DIE LINKE)
  • [Beifall] SPD

Die Kanzlerin hat die Föderalismusreform II angesprochen. Auch ich will einige Worte dazu sagen. Mit dem Eckpunktepapier, das ich zusammen mit dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger im Juni erarbeitet habe, ist die Arbeit der Kommission in die Schlussphase gekommen. Ich möchte gemeinsam mit Herrn Oettinger, dass es eine Zielgerade wird. Es geht um eine komplizierte und sensible Neugestaltung der Finanzbeziehungen. Dafür gibt es keine günstigere Koalition als diese Große Koalition, mit der die FDP-Kolleginnen und Kollegen und sogar Fritz Kuhn von den Grünen in der Frage der Schuldenregelung durchaus bereit sind zusammenzuarbeiten. Wir brauchen für fast jeden Eckpunkt unserer Reform eine verfassungsändernde Mehrheit im Parlament; das muss jeder wissen. Also brauchen wir die Kollegen von der FDP, die in manchen Bundesländern mitzuentscheiden haben. Herr Oettinger und ich wollen so vorgehen, dass zuerst die einvernehmlichen Punkte behandelt werden und die Streitpunkte zugunsten eines Gesamtpaketes vorläufig zurückgestellt werden. Nur dann sehe ich überhaupt eine Realisierungschance für ein Paket, das eine enorme Verbesserungschance gegenüber dem jetzigen Zustand bedeuten würde. Das gilt zum Beispiel für die Schuldenregelung, die einerseits ambitioniert sein muss, andererseits aber auch Raum für Konjunkturpolitik und Wachstumsinvestitionen einräumen muss. Ich war und bin mir bewusst, dass es eine Herkulesaufgabe ist, die wir zu stemmen haben, und kann nur appellieren: Lassen Sie uns die Chance nutzen – im Wissen um die Schwierigkeiten, aber mit dem Willen zum gemeinsamen Erfolg für die Zukunftsfähigkeit unseres Bundesstaates!

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Wir müssen für die uns nachfolgenden Generationen eine Regelung finden. Wir haben noch genug zu tun. Die Erbschaftsteuer sei als Beispiel genannt. Ich gehe davon aus, dass wir im Oktober den Knoten durchschlagen werden und ins parlamentarische Verfahren gehen können. Wir müssen im Blick haben, dass uns das Bundesverfassungsgericht eine Neuregelung der Pendlerpauschale auferlegt. Es war richtig, dass wir uns auf das Verfahren geeinigt haben, nicht vorschnell aktiv zu werden, auf die Gefahr hin, auf das Urteil reagieren zu müssen.

  • [Beifall] SPD

Da ich gerade beim Bundesverfassungsgericht bin, will ich noch auf ein Thema eingehen, das mir persönlich sehr am Herzen liegt. Ich weiß, dass ich da keine Zustimmung bei der CDU/CSU-Fraktion finden werde. Ich will nicht verstehen, dass wir das gesammelte Material zur NPD nicht nutzen, um noch einmal ernsthaft und intensiv die Möglichkeit eines erneuten Verbotsverfahrens zu prüfen. Das kann ich nicht verstehen.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] SPD

Einige Landesinnenminister haben gute Vorarbeit geleistet, vor allem auch der CDU-Innenminister aus Mecklenburg-Vorpommern. Aus meiner Sicht dürfen wir nichts unversucht lassen, um diesen Neonazis politisch, aber auch rechtlich endgültig das Handwerk zu legen.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] SPD

Sonst besteht die Gefahr, dass sie in einigen Landstrichen die Oberhand gewinnen und die Arbeit aller demokratischen Parteien erschweren oder sogar unmöglich machen. Ich will mich jedenfalls nicht damit abfinden, dass wir aus Steuermitteln eine Partei finanzieren, die die demokratische Grundordnung überwinden und zerstören will. Das kann nicht in unserem Interesse sein.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] SPD
  • [Zuruf] Steffen Kampeter (CDU/CSU): Wenn der Schily nicht so geschlampt hätte

Auf unserem Arbeitsplan stehen noch das Arbeitnehmer-Entsendegesetz und das Mindestarbeitsbedingungengesetz. Darüber werden wir in Kürze auf der Fraktionsarbeitsebene zu beraten und zu entscheiden haben. Wir müssen diesen Weg gehen, weil branchenübergreifende Mindestlöhne mit unserem Koalitionspartner bekanntlich nicht zu machen sind. Das ändert allerdings nichts daran, dass wir Sozialdemokraten über diese Wahlperiode hinaus am Ziel eines flächendeckenden Mindestlohnes, wie es ihn in den meisten europäischen Ländern gibt, festhalten und dafür werben werden.

  • [Beifall] SPD

Wir sind darin bestärkt worden durch einen Gast in unserer letzten Fraktionssitzung, nämlich durch den ehemaligen Partei- und Fraktionsvorsitzenden Hans-Jochen Vogel. Er hat sich beim Thema Mindestlohn nicht nur auf die eigene Autorität verlassen, sondern uns als gläubiger Katholik die Argumentationskraft dreier Päpste für den Mindestlohn als Gastgeschenk mitgebracht. Leo XIII., Johannes XXIII. und Benedikt XVI., der aktuelle Papst, haben fast gleichlautend gerechten Lohn gefordert. Einen gerechten Lohn beschreibt Johannes XXIII. in seiner Enzyklika Pacem in terris als einen Lohn, der dem Arbeiter und seiner Familie eine menschenwürdige Lebenshaltung gestattet. Lassen Sie uns doch den Päpsten folgen und überwinden Sie Ihre christlichen Bedenken dagegen.

  • [Beifall] SPD

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sich zwei christliche Parteien solch gewichtigen Befürwortern sozialer Politik noch anschließen werden.

  • [Zuruf] Steffen Kampeter (CDU/CSU): Tragen Sie doch einmal vor, was Helmut Schmidt zum Mindestlohn sagt

Sie sehen, dass die Unterschiede zwischen den Volksparteien noch nicht aufgebraucht sind. Niemand muss im nächsten Sommer einen langweiligen Wahlkampf fürchten. Jenseits des Trennenden haben wir in den letzten drei Jahren viel Gemeinsames auf den Weg gebracht, getreu dem Versprechen, das wir den Bürgerinnen und Bürgern in unserem Koalitionsvertrag gegeben haben. In dessen Präambel heißt es: "In gemeinsamer Verantwortung wollen wir das Land voranbringen." Das haben wir getan, und das werden wir in der noch verbleibenden Zeit dieser Legislaturperiode weiterhin tun. Von da an gilt Kapitel 3, Buch der Prediger, als Wegweiser: Alles hat seine Zeit, Weinen und Lachen, Wehklagen und Feiern, sich Umarmen hat seine Zeit und sich aus der Umarmung lösen. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

  • [Beifall] CDU/CSU
  • [Beifall] SPD

Fritz Kuhn ist der nächste Redner für die Fraktion Bündnis 90 /Die Grünen.

Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Drei Jahre nach Beginn der Großen Koalition und jetzt bei der Lesung des Haushalts des Kanzleramts geht es nach meiner Überzeugung um eine Frage, nämlich ob Sie, Frau Merkel, als Chefin der Großen Koalition das Land in den entscheidenden Feldern, die die Menschen betreffen und berühren, nach vorne gebracht haben oder nicht. Darauf will ich mich konzentrieren; denn das ist es, was man bei der Beratung des Haushalts des Bundeskanzleramts eigentlich betrachten muss. Ich will mit der Frage anfangen, ob Sie den Haushalt im Sinne der Generationengerechtigkeit konsolidiert haben. Das war ein großer Anspruch. Ich erinnere mich an die Rede von Herrn Röttgen, mit der die Große Koalition legitimiert werden sollte.

  • [Zuruf] Hartwig Fischer (CDU/CSU): Erste Frage: Ja

Meine Antwort ist: Wer sich die Zahlen anschaut, inklusive die der mittelfristigen Finanzplanung bis 2011, der muss – trotz allem, was der Finanzminister gestern wortreich dargestellt hat – feststellen: Sie haben dieses Ziel der Konsolidierung bis zum Jahr 2011 nicht seriös erreicht,

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

und zwar aus folgendem Grund: Wer in den Jahren 2005 bis 2009 zusätzliche Steuern in Höhe von insgesamt 59 Milliarden Euro einnimmt und die Nettoneuverschuldung nur um 21 Milliarden Euro zurückfährt, der kann nicht sagen, dass er den Haushalt wirklich konsolidiert habe.

  • [Zuruf] Dr. Norbert Röttgen (CDU/CSU): Doch Beides haben wir erreicht

Obwohl Sie, Frau Merkel, in einer guten Konjunktur gestartet sind, obwohl Sie die Mehrwertsteuer massiv erhöht haben und obwohl Sie massive Privatisierungserlöse in diesen Jahren im Haushalt und in der mittelfristigen Finanzplanung haben, haben Sie es nicht geschafft, den Haushalt zu konsolidieren. Sie haben nichts für die schwierigen Zeiten angelegt.

  • [Zuruf] Dr. Norbert Röttgen (CDU/CSU): Genau das ist geschehen

Unser Vorwurf heißt: Herr Struck, Ihnen ist es nicht gelungen, die Maßnahmen umzusetzen, über die wir in der Föderalismuskommission diskutiert haben, nämlich die Verschuldung zu bremsen und in guten Jahren für die schlechten Jahre vorzusorgen. Sie alle wissen, dass bei einer Neuverschuldung von null für das Jahr 2011, die Sie in der mittelfristigen Finanzplanung etatisiert haben, eine Vielzahl von Haushaltsrisiken steckt, für die Sie nicht im Ansatz Vorsorge getroffen haben.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ich nenne die globalen Minderausgaben im Arbeitsministerium, die Sie nur zulasten der kleinen Leute realisieren können, nämlich beim Arbeitslosengeld II, bei der Grundsicherung. Ich nenne die Pendlerpauschale mit den Risiken in Karlsruhe. Ich nenne das Kindergeld, von dessen Erhöhung Sie reden, die Sie aber nicht etatisiert haben.

  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Doch, doch

Ich rede von den Konjunkturrisiken, die Sie nicht etatisiert haben; denn Sie gehen von einem Wachstum von 1, 2 bzw. 1, 5 Prozent über die Jahre aus. Ich nenne auch das Urteil aus Karlsruhe über die steuerliche Absetzbarkeit von Beiträgen zur Kranken- und Pflegeversicherung. Das heißt im Klartext: Trotz massiver Haushaltsrisiken und trotz eines möglichen Abschwungs der Konjunktur – man braucht gar nicht von Rezession zu reden – setzen Sie für das Jahr 2011 eine Neuverschuldung von null an, obwohl alle wissen, dass Sie dieses Ziel nicht einhalten können. Frau Merkel, es tut mir leid: Wir können gern über Schwierigkeiten auf dem Weg reden, aber Sie können eines nicht machen: dass Sie sich erst einmal den Beifall als Konsolidierer abholen, hinterher aber das Konsolidierungsziel nicht erreichen. Das funktioniert bei einer wachen Öffentlichkeit nicht, egal wie Steinbrück hier an diesem Pult redet.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ich finde, wir müssen anders über Einsparungen reden, und wir müssen darüber reden, welche steuerlichen Privilegien Sie eigentlich in den letzten Jahren nicht angetastet haben. Ich will ein Beispiel nennen. Es gibt zahlreiche Ausnahmen bei der Ökosteuer in der Wirtschaft. Die Ökosteuer ist eine reine Verbraucherinnenund Verbrauchersteuer geworden. Sie sind nicht bereit, diese Ausnahmen anzugreifen, obwohl dem Staat dadurch jährlich Milliardenbeträge entgehen. Ein zweites Beispiel: die Steuerprivilegien bei der Nutzung von Dienstwagen. Bund und Länder geben dafür zusammen jährlich rund 6 Milliarden Euro aus. Darüber schweigt die Regierung trotz Klimaschutzanforderungen. Ich erläutere das einmal, weil ich weiß, dass viele über die Dimensionen nicht Bescheid wissen: Ein Porsche Cayenne Turbo – um einmal ein größeres Fahrzeug zu nehmen –, der pro Kilometer 358 Gramm CO 2 ausstößt und dabei 15 Liter Treibstoff verbraucht, hat einen Ladenpreis von 110000 Euro. Ein Großbetrieb mit einem entsprechenden Grenzsteuersatz, der dieses Auto einem seiner Mitarbeiter zur Verfügung stellt, kann ihn sechs Jahre lang abschreiben und hat dadurch einen Steuervorteil von jährlich maximal 5500 Euro, das heißt insgesamt von etwas mehr als 33000 Euro. Ein mittelständischer Betrieb, der einen höheren Grenzsteuersatz hat, hat in diesem Sechsjahreszeitraum einen Steuervorteil von 44000 Euro. Da frage ich Sie alle zusammen: Was sind wir eigentlich für ein Staat, der es für zumutbar und akzeptabel hält, dass die Nutzung dieser Dreckschleudern, was den CO 2 -Ausstoß angeht, durch einen Steuervorteil von maximal 44000 Euro begünstigt wird? Wo sind Sie denn da?

  • [Beifall] Gerd Andres (SPD)
  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Dennoch sagte Herr Steinbrück gestern: Nennen Sie mir Sparvorschläge! Wir können eine ganze Reihe solcher Sparvorschläge nennen. Wir müssen natürlich über die Fragen reden: „Stimmt die steuerliche Basis, oder sind wir da zu großzügig? Subventionieren wir das Falsche?“ Frau Merkel, diese Sache müssen Sie sich anschauen, wenn Sie den Anspruch erheben, eine Große Koalition wirklich im Sinne von Haushaltskonsolidierung geführt zu haben.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Dann kommen die Bayern ins Spiel. Herr Huber, ich kann nur sagen – Sie wollen nachher in der dritten Runde reden –: Was Sie gegenwärtig steuerpolitisch vorschlagen – Ihr Entlastungspaket bei der Einkommensteuer, 23 Milliarden Euro; die Wiedereinführung der Enfernungspauschale; das, wogegen Sie jetzt kämpfen, haben Sie mit beschlossen, wovon Sie jetzt nichts wissen wollen –, ist nicht finanzierbar. Sie verweisen immer auf zusätzliche Steuereinnahmen in Höhe von 60 Milliarden Euro. Aber Sie sehen doch, dass die von Ihnen mitgestaltete und mitgetragene Große Koalition trotz dieser Mehreinnahmen bei den Steuern aus diesem Jahr mit über 10 Milliarden neuen Schulden herausgehen wird. Das Geld, das Sie fordern, ist nicht vorhanden. Was Sie in Bayern veranstalten, ist ein Wahlkampftheater. Ich nenne die Forderungen, die Sie aufstellen, und die Art, wie Sie arbeiten, Panikpopulismus. Weil Sie Angst haben, dass Sie die absolute Mehrheit verlieren, verkünden Sie jeden Unsinn – und wissen genau, dass es nicht geht.

  • [Beifall] Gerd Andres (SPD)
  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Übrigens, an dieser Stelle sind der Politikstil der Linkspartei und der der CSU in Bayern einander nah. Es ist Ihnen völlig egal, wie man die Dinge realisieren kann; dennoch stellen Sie erst einmal Forderungen, weil Sie denken, es komme irgendwie gut an.

  • [Beifall] Dr. h. c. Jürgen Koppelin (FDP)
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Die CSU ist in einem komischen Zustand; Sie fordert in Bayern etwas ganz anderes, als sie hier in Berlin tut. Ich will dafür ein weiteres Beispiel nennen, und zwar aus dem Bereich der Gentechnik; ich denke an die Grüne Gentechnik in der Landwirtschaft. Auf der Ramsauer-Homepage – jetzt in Bayern – habe ich gelesen: „Wir lehnen den Einsatz der … Gentechnik in unserer Heimat ab.“ Tatsächlich hat ihn zunächst der CSU-Minister Seehofer als Gesundheitsminister 1998 in Brüssel genehmigt, als er die genrechtliche Genehmigung im Rahmen der EU mit unterstützt hat. Die sortenrechtliche Genehmigung, die man bei der Aussaat braucht, hat er dann im Jahr 2005 als eine seiner ersten Amtshandlungen erteilt, nachdem Renate Künast dieses Verfahren gestoppt hatte. Da fragt sich doch die aufgeklärte Bevölkerung in Deutschland und in Bayern: Was gilt nun? Gentechnik in der Heimat lehnt man ab, und in Berlin pusht man sie mit Unterstützung der Kanzlerin.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Beifall] SPD

Ich glaube, dass man so nicht vorgehen kann. Im Übrigen, Herr Steinbrück, Stichwort „Sparen in Deutschland, Gentechnik“: Im Rahmen der Hightech-Strategie werden – das ist ein kleinerer Beitrag – 279549 Euro dafür ausgegeben, dass gentechnisch veränderte, kälteresistente Weihnachtssterne erprobt werden. So etwas wird zur Förderung der Gentechnik über den Bundeshaushalt finanziert. Ich würde einmal sagen: Wenn Sie über Haushaltskonsolidierung reden, dann schauen Sie noch einmal nach, ob Sie solche Beiträge nicht einsammeln können! Es ist doch blanker Unsinn, sich als Sparkommissar hinzustellen und insgesamt einen solchen Mist zu machen.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ich möchte Frau Merkel als Kanzlerin und Chefin der Großen Koalition zweitens fragen, ob eigentlich die sozialen Sicherungssysteme gerechter und zukunftsfähiger geworden sind. Auch das ist eine Frage, die die Große Koalition beantworten muss. Meine Antwort ist: In vielem sind die sozialen Sicherungssysteme nicht gerechter geworden. Wenn ich auf das Gesundheitssystem schaue, dann stelle ich fest, dass wir in Deutschland doch eine Zweiklassenmedizin haben. Zu denken ist an die Wartezeiten, an die Leistungskataloge für Kassenpatienten oder an die Überversorgung von Privatpatienten. Weil die Praxen über beide Systeme finanziert werden, laufen Privatpatienten ja auch immer Gefahr, dass bei ihnen zu viel gemacht wird, also auch etwas gemacht wird, was medizinisch gar nicht notwendig ist. Wenn ich mir all dies anschaue, dann kann ich aufgrund der Spaltung zwischen gesetzlicher und privater Versicherung nicht sagen: Unser Gesundheitssystem hat nicht den Charakter einer Zweiklassenmedizin. Es besteht ein unterschiedliches Angebot, je nachdem, um wen es sich handelt und wo er sich befindet. Daran hat die Große Koalition nichts verändert.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Sie haben sich um die Finanzierung gekümmert, aber in der Frage der Gerechtigkeit in der Krankenversicherung sind Sie als Große Koalition keinen Schritt weitergekommen.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Frau Merkel sagt, es sei kompliziert, aber es hat sie nicht interessiert, etwas zu verändern und mehr Gerechtigkeit in die gesetzliche Krankenversicherung zu bringen. Zur Frage der stabilisierten Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme: Unter die Grenze von 40 Prozent zu kommen, das erreichen Sie nicht. Herr Kauder, Frau Merkel, Sie haben dies nicht wirklich erreicht. Ich nenne Ihnen die Zahlen. Am 1. Juli 2008 betrug der Gesamtsatz für die sozialen Sicherungssysteme 40, 3 Prozent. Am 1. Januar 2009 wird er, weil der Gesundheitsfonds natürlich viel kosten wird, über 40, 7 Prozent betragen. Ich rechne übrigens die 0, 9 Prozent, die die Arbeitnehmer in der Krankenversicherung allein bezahlen, dazu; da lasse ich Sie nicht heraus. Das ist der Satz, den man zugrunde legen muss, wenn man wissen will, wie hoch die Belastung insgesamt ist. Von daher rührt auch der ganze Streit über die Frage, ob Sie in der Arbeitslosenversicherung unter einen Satz von 3 Prozent gehen wollen. Sie müssen unter einen Satz von 3 Prozent kommen, wenn Sie das 40 -Prozent-Versprechen einhalten wollen. Frau Merkel, gegenwärtig ist es nicht eingehalten. Ich sage Ihnen voraus: Auch in einem Jahr werden wir feststellen, dass Sie dieses Versprechen nicht halten können.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ich möchte eine dritte Frage an die Chefin der Großen Koalition, Frau Merkel, stellen, nämlich: Haben Sie im Bereich der Energie- und Verkehrspolitik das gemacht, was aus Klimaschutzgründen notwendig, möglich und sinnvoll ist? Unsere Antwort heißt: Sie haben es nicht gemacht. Frau Merkel hat sich sehr mit diesem Thema beschäftigt, ist auch Eisberge gucken gegangen, aber das, was das Kabinett zur CO 2 -Vermeidung beschlossen hat, entspricht nicht dem, was man sich selbst als Ziel gesetzt hat. 40 Prozent CO 2 -Reduktion haben Sie vorgehabt. Wenn ich das zum Maßstab nehme, was Sie im Kabinett insgesamt beschlossen haben, können Sie nach vielen Untersuchungen, die jetzt vorliegen, maximal 30 Prozent Reduktion erreichen. Das hat einen systematischen Grund, und den will ich nennen. Immer dann, wenn es von der Sonntagspredigt ans Eingemachte geht, wenn es um die Umsetzung werktags geht, haben Sie dicke Lobbys im Nacken, denen Sie am Schluss nachgeben. Das führt dazu, dass Sie das, was Sie ursprünglich wollten, nicht umsetzen können.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Sie haben keinen Top-Runner-Ansatz zur Effizienzsteigerung bei Elektrogeräten. Der Neubau von Kohlekraftwerken, den Sie vorantreiben, führt nicht dazu, dass der CO 2 -Ausstoß reduziert wird, weil Sie die alten Kraftwerke nicht abschalten können; dazu haben Sie nämlich kein Rechtsinstrument. Sie haben die Kraft-Wärme-Kopplung nicht so ausgebaut wie nötig, weil Sie einen Deckel bei 750 Millionen Euro eingezogen haben. Beim Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz und bei der Energieeinsparverordnung springen Sie deutlich zu kurz, weil Sie sich nicht trauen, die Altbauten konsequent in das Erneuerungsprogramm einzubeziehen, sondern eher bei den Neubauten ansetzen. Deswegen führen Sie eine Atomdebatte, die ich nur als Ablenkungsdebatte sehen kann. Nach der Sitzung des Vorstands der CDU/CSU-Fraktion in München ist es heraus: Sie wollen die Kraftwerke zehn Jahre länger laufen lassen. Auch alte Pannenreaktoren wie Biblis A, Neckarwestheim und Brunsbüttel sollen zusätzlich zehn Jahre laufen. Frau Merkel, ich kann nur hoffen, dass die Dübel in Ihrer Wohnung besser und fachgerechter montiert sind als die in Biblis, wo man Tausende von Dübeln auswechseln musste.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Mit diesem Bild möchte ich deutlich machen: Wir reden nicht über Reaktoren ganz neuer Generation, sondern wir reden über alte Pannenreaktoren, die laufend stillgelegt sind, weil sie nicht dem technischen Stand entsprechen. Sie wollen 40 Milliarden Euro aus den Gewinnen der Energieerzeuger erlösen. Wenn man die Verantwortlichen kennt und ihre Kommentare jetzt, nachdem die Zahl von 40 Milliarden auf dem Tisch liegt, gehört hat, dann kann ich Ihnen nur vorhersagen, mit einem solchen Unsinn werden Sie bei denen scheitern. Der RWE-Sprecher kann zum Beispiel gar nicht nachvollziehen, wie Sie auf diese Zahl kommen. Die Begründungen waren auch gut. Noch vor einem halben Jahr haben Sie gesagt, dieses Geld sei für die regenerativen Energiequellen. Jetzt heißt es plötzlich, dieses Geld sei für die Senkung der Stromtarife. Warum haben wir denn in Bayern oder in Baden-Württemberg, wo es so viele Atomkraftwerke gibt, keine niedrigeren Stromtarife? Lassen Sie sich doch von der CDU nicht diesen Bären aufbinden! Herr Kauder, Sie sollten eigentlich vernünftiger sein als das, was von Ihnen in den Zeitungen steht.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Uns stört die Art und Weise, wie Sie mit der Entsorgungsfrage umgehen. Wir haben in Deutschland kein Endlager. Diejenigen Ihrer Politiker, die dort leben, wo die Atomkraftwerke stehen, in Bayern und Baden-Württemberg, sagen jetzt: „Gorleben!“ Herr Kauder, es scheint, als würden Sie aus Asse keine Konsequenzen ziehen. Dort ist visuell und praktisch sichtbar, dass ein Salzstock nicht für die sichere Einschließung von radioaktivem Müll geeignet ist, auf den wir Zehntausende von Jahren aufpassen müssen. Herr Kauder, wir finden es billig, wie bei uns in Baden-Württemberg – ich komme selber aus Baden-Württemberg – und in Bayern mit dieser Frage umgegangen wird: Was wir nicht wollen, sollen doch die Fischköpfe in Niedersachsen gefälligst nehmen. – Das, was Sie da praktizieren, ist Heuchelei.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Zuruf] Volker Kauder (CDU/CSU): Herr Kuhn, das ist unter Ihrem Niveau

Ich komme zum Thema Verkehrspolitik. Frau Merkel, 25 Prozent der weltweiten CO 2 -Emmissionen entstehen durch den Verkehr. Sie aber haben so gut wie keine Verkehrspolitik, die darauf auch nur irgendeine Antwort gibt. Mit der Kfz-Steuerreform kommen Sie nicht weiter, obwohl viele Leute darauf warten. Sie würden ein sparsameres Auto kaufen, wenn sie wüssten, was da geschieht. Ich sage Ihnen: Ein vernünftiges Auto mit einem Spritverbrauch von 4 Litern muss Kfz-steuerfrei sein. Das müssen Sie endlich machen, dann lösen Sie auch einen Anreiz zum Kauf einer besseren Verkehrstechnik aus. Das scheint Ihnen aber weitgehend egal zu sein. Themen wie Tempolimit oder Dienstwagenbesteuerung scheinen Sie zu ignorieren. Das ist eine gute Dauersubvention, die Sie gern beibehalten wollen. Zu den Flugbenzinprivilegien höre ich von der großartigen Großen Koalition nichts. Hier drücken Sie sich vor dem entscheidenden Umstand, dass wir in Deutschland das Verkehrsmittel subventionieren, das in Bezug auf den CO 2 -Ausstoß am schlechtesten dasteht.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Schließlich frage ich nach der Bahn und der Ordnungspolitik. Frau Merkel, wie lange wollen Sie als Chefin der Großen Koalition eigentlich noch jemanden wie Herrn Mehdorn stützen, der gegenüber den eigenen Kundinnen und Kunden der Bahn nachweislich als Wiederholungstäter aufgetreten ist? Er „verkauft“ diese wegen des Börsengangs. So jemanden kann man nicht stützen, das ist absoluter Unsinn.

  • [Beifall] Gerd Andres (SPD)
  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ich frage mich auch, wann Herr Tiefensee endlich mit einer Verkehrspolitik beginnt, die wirklich unter dem Rubrum „Klimaschutz“ steht. Ich frage mich, wann er nicht mehr diesen Mist macht, den wir aus diesem Hause gewohnt sind. Frau Merkel, ich sage dies deswegen, weil ich finde, eine Kanzlerin darf diese Fragen nicht so auslassen. Sie muss sich zentral mit diesen Fragen auseinandersetzen. Die nächste Frage, die ich ansprechen möchte, ist die Bildungspolitik. Es ist schön, dass Sie jetzt eine Bildungsreise machen. Ich will mich ausdrücklich nicht darüber lustig machen, denn es ist richtig, sich um die Bildungsinstitutionen zu kümmern. Die Lage ist ganz klar: Deutschland ist als Bildungsland nicht an vorderer Stelle. Im OECD-Vergleich schneiden wir sehr kritisch ab. Wir geben sehr viel weniger Geld aus, als die Länder im Durchschnitt ausgeben. Wir geben erst recht sehr viel weniger Geld aus als die Topländer. Dabei will ich sagen, dass es nicht allein ums Geld geht. In der Frage der Bildung geht es immer auch um die Struktur von Bildung, also um die Qualität, die aus dem folgt, wie wir Bildung organisieren.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Wenn ich mir unser Land im internationalen Vergleich anschaue, dann stelle ich fest, wir haben zu wenig Kinderbetreuung für die unter Dreijährigen, wir haben Qualitätsdefizite in der Kinderbetreuung, wir haben zu wenig sprachliche und soziale Integration. Sie haben das angesprochen. Ich glaube, man muss diese Anstrengungen in der Vorschule und in den ersten Klassen der Schule verstärken. Wir haben in unserem Schulsystem–da wären Sie auch als CDU-Vorsitzende einmal gefragt; Sie sind ja nicht nur Kanzlerin, sondern auch Vorsitzende dieser Volkspartei – eine zu frühe Selektion der Kinder nach der vierten Klasse mit negativen Auswirkungen auf das Lernklima ab der ersten Klasse. Der Leistungsdruck geht ja gleich nach der Einschulung der Kinder los.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Wir haben eine lausig schlechte Situation an den Hochschulen, sowohl was die Lehre als auch was die Forschung angeht. Keine deutsche Hochschule steht im internationalen Ranking an vorderer Stelle. Der Hochschulpakt funktioniert einfach nicht, Frau Schavan. Ich möchte nur einmal etwas zur Anzahl der Studienplätze sagen: Für 2007 war vereinbart, 13000 neue Studienplätze zu schaffen. Tatsächlich geschaffen wurden 3400. Sie müssen sich doch eingestehen, dass dies nicht so funktioniert, wie es geplant war, und sich darum kümmern. Frau Merkel, ich kann es Ihnen nicht ersparen: Das Ergebnis der Föderalismusreform I, dass der Bund auf wesentliche Punkte seiner ohnehin schwachen Kompetenzen im Bildungsbereich verzichtet hat, war ein großer Fehler. Dies war ein Fehler, den die Große Koalition gemacht hat und den Sie zusammen mit Herrn Müntefering zu verantworten haben.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
  • [Zuruf] Renate Künast (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Herrn Röttgen nicht zu vergessen

Wir stellen jetzt die Forderung an Sie, dass der Bildungsgipfel, den Sie als Bund-Länder-Bildungsgipfel für Oktober angesetzt haben, zu einem Ergebnisgipfel werden muss. Er darf nicht zu einem Problemanalysegipfel werden; davon haben Sie ja schon viele durchgeführt. Wir wollen jetzt vielmehr konkrete Ergebnisse sehen, wie unser Bildungssystem verbessert werden soll, wer dabei welche Aufgabe erhält und wie die Finanzierung zwischen Bund und Ländern hier geregelt werden soll. Es wird also zu prüfen sein, ob es sich um einen Ergebnisgipfel gehandelt hat oder ob man nur schön darüber gesprochen hat, wie es eigentlich sein sollte.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Damit komme ich zu einem wichtigen Punkt, den Sie in Ihrer Rede, Frau Merkel, völlig ausgelassen haben. Wir wissen, dass neben den Strukturreformen im Bildungssystem die Fragestellung, wie wir all das finanzieren wollen, zentral und wichtig ist. Laut OECD-Zahlen haben wir in der gesamten Bildungskette vom Kindergarten bis zur beruflichen Weiterbildung und der Universität in Deutschland eine Unterdeckung bezüglich der eigentlich notwendigen Ausgaben in Höhe von 30 bis 40 Milliarden Euro, je nachdem, was man alles dazunimmt. Sie müssen jetzt endlich einmal sagen, aus welchem der noch nicht konsolidierten Haushalte und mit welcher Methode Sie diese Lücke schließen wollen. Wir als Grüne haben vor diesem Hintergrund gesagt, wir hören damit auf, sonntags von mehr Bildung zu reden und bei Finanzierungsfragen verträumt zum Himmel über dem Reichstag oder sonst wohin zu schauen. Vielmehr schlagen wir vor, Mittel aus dem Soli, der ein Finanzvolumen von 50 Milliarden Euro umfasst und dessen Zweckbindung zur Verwendung in den neuen Ländern von 2010 bis 2019 nach und nach ausläuft, dazu zu verwenden, um die große Aufgabe zu stemmen, die Infrastruktur unseres Bildungssystems endlich zu stärken. Auf diese Weise könnten wir das, was wir machen wollen, endlich auch finanzieren.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Man muss sich einmal die Gefechtslage beim Soli vor Augen führen: Die FDP will ihn abschaffen, Herr Steinbrück braucht ihn im Haushalt; da ist er über die Jahre ein wesentliches Konsolidierungsinstrument seiner mittelfristigen Finanzplanung. Er kommt ohne die 10 Milliarden Euro jährlich, die bis 15 Milliarden Euro aufwachsen, bei seinen Konsolidierungsbemühungen gar nicht mehr aus. Ich stelle hier die Maxime auf: Wer unseren Vorschlag ablehnt, der soll einen Gegenvorschlag mit einem Finanzvolumen in dieser Höhe machen, damit Bildung finanziert werden kann.

  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Der Wettbewerb zwischen den Parteien geht nicht so, dass Sie immer nur Vorschläge ablehnen. Vielmehr müssen Sie auch eigene Vorschläge machen, wie Sie auf Bundes- und Länderebene dieses finanzieren wollen. Ich möchte einen Punkt in der Außenpolitik ansprechen, Frau Merkel, der mit Afghanistan zu tun hat. Sie haben hierzu ein bisschen was gesagt; Herr Struck hat etwas mehr gesagt. Wir haben den Eindruck, dass Sie dieses Thema ganz verschämt und versteckt anfassen.

  • [Zuruf] CDU/CSU: Zuhören

Es gibt eine Sondersitzung des Deutschen Bundestages Anfang Oktober, aber das Mandat liegt noch nicht vor. Sie reden wenig darüber, ganz nach dem Muster: Das sollen besser Herr Struck oder der Außenminister machen. Sie jedoch erklären der Bevölkerung nicht, was Sie in Afghanistan vorhaben und wie der Strategiewechsel funktionieren soll. Sie halten sich – im Vergleich zu anderen Themen, die Sie anpacken – merklich zurück. Wir haben eine ganze Reihe von Fragen. Wir verstehen, dass Sie im Sinne eines Strategiewechsels langsam etwas für den zivilen Aufbau tun. Aber ein großer Schwung kommt da nicht rein; dazu sind zum Beispiel die Bewegungen beim Polizeiaufbau viel zu langsam. Aber unsere Hauptfrage an Sie, die Sie nicht beantwortet haben, ist: Was macht eigentlich die Bundesrepublik Deutschland unter Ihrer Führung, wenn deutlich wird, dass die hohe Zahl der zivilen Opfer, die amerikanische Luftschläge gegen die Taliban sehr oft mit sich bringen, nicht kleiner wird, wenn es 70, 80 zivile Opfer gibt, Kinder, Frauen, die nichts mit diesen Taliban zu tun haben? So etwas kann einmal passieren; aber es passiert immer wieder. Aus Deutschland gibt es keine Antwort auf die Frage, wann wir diese Strategie beenden. So wird das Problem nicht gelöst, Herr Struck, und die Bevölkerung kann nicht einsehen, warum wir da zustimmen sollten. Sie dürfen also, Frau Merkel, nicht nur sagen, dass mehr für den zivilen Aufbau getan werden muss, sondern Sie müssen uns auch die Frage beantworten, wann die Doppelstrategie in Afghanistan – nämlich einerseits zivile Institutionen zu stärken, was wir unterstützen, andererseits aber viele zivile Opfer billigend in Kauf zu nehmen – aufhört. Das hätten Sie beantworten müssen als Kanzlerin, die in diesem Hause über dieses Thema debattieren will.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Wenn wir dann lesen – ich verweise auf eine Berichterstattung letzte Woche in der Neuen Zürcher Zeitung, die eine hohe Objektivität in diesen Fragen hat –, dass US-Präsident Bush beschlossen und den Befehl erteilt haben soll, dass künftig auch in Pakistan mit Bodentruppen angegriffen wird, ohne die pakistanische Regierung um Erlaubnis zu fragen, dann kann ich nur sagen: Ich will von einer Kanzlerin, die diesen Laden hier führt, wissen, wie sie dazu steht, ob sie glaubt, dass das stimmt, und was sie gegenüber der US-Administration getan hat, um Aufschluss darüber zu erhalten, wie die Dinge laufen, und ob wir eigentlich mit Zustimmung zu ISAF und OEF diesen völkerrechtswidrigen Befehl, wenn er denn erteilt worden ist, unterstützen wollen oder nicht. Solche Fragen haben wir Abgeordneten, und zwar in allen Fraktionen, wenn wir über dieses Thema diskutieren. Ich verstehe Ihren Dank an die Angehörigen der Bundeswehr. Aber als einziges wesentliches Element in Ihrer Rede war das wirklich zu wenig. An dieser Stelle hätte ich mir mehr Führung, mehr Aufklärung, mehr Information gewünscht.

  • [Beifall] DIE LINKE
  • [Beifall] BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Ich komme zum Schluss.